zurück   |   Druckversion24.09.2004 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Qualitätsentwicklung

Diskussionspapier des AGJ-Fachausschusses

vorgelegt auf dem Deutschen Jugendhilfetag, Osnabrück, 2. - 4.Juni 2004

Einleitung

Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein Leistungsbereich der Jugendhilfe mit schwacher gesetzlicher Verankerung aber großer Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Die Jugendarbeit verfügt über spezifische Zugänge und Lernfelder, die den Erwerb außerschulischer Bildungsqualifikationen in besonderer Weise begünstigen. Die offene Jugendarbeit leistet einen wesentlichen Beitrag zur Aufrechterhaltung einer ausgewogenen sozialen Infrastruktur in den Städten und Landkreisen. Sie hat zugleich einen wesentlichen Anteil an der Vermeidung von Ausgrenzung und an der Integration von bildungs- und sozialbenachteiligten Bevölkerungsgruppen. Dieses Diskussionspapier soll dazu dienen, die perspektivische Orientierung der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Richtung Bildung und Sozialisationsagentur sowohl konzeptionell deutlich zu profilieren als auch öffentlich zu kommunizieren.

1. Gesetzliche Grundlage und Auftrag

Offene Kinder- und Jugendarbeit ist heute unentbehrlicher Bestandteil der sozialen Infrastruktur von Städten und Gemeinden, um den Auftrag des Kinder- und Jugendhilfegesetzes §11 zu erfüllen, „die erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen". Als Angebotsform steht es gleichberechtigt neben der verbandlichen Jugendarbeit mit ihrer verbindlichen, wertgebundenen Ausrichtung.

Offene Kinder?- und Jugendarbeit richtet sich nach dem gesetzlichen Auftrag grundsätzlich an alle Kinder und Jugendlichen. Bei der Konzipierung von Angeboten muss sie die Lebenslagen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in ihrem Einzugsbereich berücksichtigen und sich dann für ein deutliches Profil entscheiden. Mit diesem auf die Lebenslagen und den Sozialraum ausgerichteten Ansatz erfüllt die offene Kinder- und Jugendarbeit in besonders niedrigschwelliger Weise den Auftrag des § 11 „an den Interessen der jungen Menschen anzuknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet zu werden".

Die fachliche Basis der offenen Kinder? und Jugendarbeit besteht nicht in einem spezifischen, methodischen Ansatz, sondern in der Analyse der Lebenssituation der jungen Menschen in ihrem Zuständigkeitsbereich. Die offene Kinder- und Jugendarbeit fokussiert in der räumlichen Infrastruktur einer Kinder? und Jugendfreizeitstätte, muss aber gleichzeitig die übrigen öffentlichen Freizeiträume ihrer Zielgruppen in die konzeptionelle Entwicklung einbeziehen.

2. Zielsetzungen für die offene Kinder? und Jugendarbeit

Die Ziele der offenen Kinder? und Jugendarbeit orientieren sich an dem Maßstab, der für die gesamte Kinder? und Jugendhilfe gilt: Sie fördert junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung und trägt dazu bei, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen, sowie positive Lebensbedingungen für junge Menschen zu erhalten oder zu schaffen.




Aus dieser Zielsetzung ergibt sich, dass die offene Kinder- und Jugendarbeit nicht a priori auf Randgruppen und Benachteiligte ausgerichtet sein muss, wohl aber ihre Stärken in den Dienst der Kinder und Jugendlichen stellen sollte, die Angebote am dringendsten nachfragen und/oder benötigen.

Mit dieser Zielstellung ist auch unübersehbar, dass sich offene Kinder- und Jugendarbeit nicht erst definieren muss durch präventive, kompensatorische, „problementsorgende" oder integrierende Leistungen. Eine Infrastruktur für offene Kinder- und Jugendarbeit in Form von „Ermöglichungsstrukturen" (Räumen, Fachkräften, Sachmitteln) muss vorhanden sein, sonst fehlen zentrale Grundlagen zur Erfüllung der §§ 1 und 11.

3. Gemeinsame Merkmale offener Kinder? und Jugendarbeit

Die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit dienen als Basisstationen, die lebenswelt? und stadtteilorientiert den Aktionsradius ihrer kindlichen und jugendlichen Zielgruppen in der Freizeit begleiten und mit ihnen Angebote entwickeln. Im Rahmen des Grundprinzips der Offenheit sind vielfältige spezifische Ausprägungen entstanden. Zu den gemeinsamen Grundlagen und Merkmalen offener Kinder? und Jugendarbeit zählen
- öffentliche Innen? und Außenräume für Kinder und Jugendliche schaffen und zugänglich halten,
- aktive Beteiligung ermöglichen,
- demokratische Werte vermitteln,
- Eigenverantwortung entwickeln und fördern,
- ein niedrigschwelliges Angebot bereithalten,
- im Interesse von Kindern und Jugendlichen in die Gestaltung der Gesellschaft einmischen,
- durch außerschulische Bildung soziale und kulturelle Schlüsselqualifikationen vermitteln,
- die unterschiedlichen Interessen und Lebenslagen von Mädchen und Jungen berücksichtigen.

4. Offene Kinder- und Jugendarbeit als Ermöglichungsstruktur

Kinder und Jugendliche gehören in mehrfacher Hinsicht zur schwächsten Bevölkerungsgruppe in unserem Land. Kinder und Jugendliche sind wesentlich seltener im öffentlichen Raum präsent als vor einer Generation. Ihre Zahl hat sich deutlich reduziert, die Gefährdungspotentiale haben zugenommen, ihr Aufenthalt in öffentlichen Bereichen ist zum Teil deutlich eingeschränkt, und sie werden auf sichere Bereiche verwiesen wie Schulhöfe, Spielplätze, Sportanlagen und Jugendeinrichtungen.

Kinder und Jugendliche haben heute mehr denn je ein Recht auf öffentliche Räume für ihre Entwicklung, die als Räume im territorialen wie im sozialen Sinn zu verstehen sind. Räume, die für ihre Interessen und Freizeitbedürfnisse zur Verfügung stehen und in denen sie sich sozial wie emotional entwickeln können. Kinder und Jugendliche brauchen Räume neben Elternhaus und Schule mit Möglichkeiten für weitgehende Selbstentfaltungs-, Erprobungs- und Lernprozesse.

Offene Kinder- und Jugendarbeit bietet Rahmenbedingungen, die den Bedürfnissen der Besucherinnen und Besucher nach Selbstverwirklichung, Anerkennung, Geselligkeit, Geborgenheit und Erlebnis entgegen kommen. Selbstorganisationsprozesse in Cliquen werden immer wichtiger und die Entfaltung von Jugendkulturen ist ein praktischer Versuch, sich


gesellschaftliche und soziale Wirklichkeit handelnd anzueignen. Offene Kinder- und Jugendarbeit hilft jungen Menschen dabei, ihre konkrete Lebenswirklichkeit besser zu bewältigen und auch in schwierigen Lebenslagen handlungsfähig zu bleiben. Die niedrigschwelligen, unverbindlichen Angebotsformen enthalten eine besondere Option im Blick auf benachteiligte junge Menschen, sowie Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien und unterschiedlichen Herkunftskulturen.

Die Leistungen der pädagogischen Fachkräfte gehen über ein programm- und projektspezifisches Angebot hinaus. Die Fachkräfte haben die Möglichkeit, die Anliegen der Besucherinnen und Besucher subjektorientiert aufzugreifen, ihnen Wege zur Verwirklichung ihrer Interessen aufzuzeigen, ihnen Bildungschancen zu eröffnen und ihnen Beratung, Orientierungshilfen und konkrete Hilfe anzubieten.

5. Bildungsziele in der offenen Kinder? und Jugendarbeit

Bildung ist der umfassende Prozess der Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, zu lernen, Leistungspotenziale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten. Junge Menschen in diesem Sinne zu bilden, ist nicht allein Aufgabe der Schule. Bildungsziele in der offenen Kinder- und Jugendarbeit sind vor allem die Entwicklung von
- personalen Kompetenzen, wie Selbstbewusstsein, Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlen,
- Umgang mit Wissen, Neugier, kritischer Auseinandersetzung, Urteilsvermögen;
- sozialen Kompetenzen, wie Ausdrucksfähigkeit, Teamfähigkeit,
- Verantwortungsbereitschaft und Solidarität; ? kulturellen Kompetenzen, wie interkulturellem Wissen, Toleranz, aber auch z.B.
- Medienkompetenz, als wichtige Voraussetzung für berufliche Perspektiven;
- politischen Kompetenzen der Mitgestaltung, Mitbestimmung und Mitverantwortung
(Partizipation), als die adäquate Form der politischen Bildung im Kontext offener Arbeit.

In diesem Sinne vermittelt die offene Kinder? und Jugendarbeit als Ort informeller Bildungsprozesse zentrale soziale Schlüsselqualifikationen und ermöglicht eine vielfältige soziale Bildung für die Gestaltung der Gesellschaft.

6. Förderung der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Die offene Kinder- und Jugendarbeit hat außerhalb der Fachpolitik selten eine starke politische Lobby. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt sie häufig erst dann, wenn Kinder und Jugendliche durch auffälliges Verhalten Aufmerksamkeit erregen und nach Abhilfen und passenden Freizeitangeboten für diese jungen Menschen gesucht wird. Gerade solche Situationen beeinflussen die Entscheidung zum Ausbau der Angebote. Die systematische Planung einer Infrastruktur der offenen Kinder- und Jugendarbeit auf kommunaler Ebene etwa als Freizeitstättenplanung wird hingegen häufig vernachlässigt.

Andererseits fließt ein erheblicher Teil der kommunalen Mittel in die Förderung der offenen Kinder? und Jugendarbeit. Die Finanzierung der offenen Kinder- und Jugendarbeit lastet fast ausschließlich auf den Schultern der Kommunen, da nur in einigen Bundesländern Landesförderungen existieren. Von Bundesmitteln kann die jeweils örtlich strukturierte offene Kinder? und Jugendarbeit nur in Ausnahmefällen im Bereich von Projektförderung profitieren.

Diese unterschiedliche Förderungsstruktur verursacht große qualitative und quantitative Unterschiede in der Verfügbarkeit von offenen Angeboten für junge Menschen. Die jugendpolitisch Verantwortlichen auf allen Ebenen sind hier herausgefordert, für eine ausreichende Ausstattung in Qualität und Umfang Sorge zu tragen.

7. Entwicklungstendenzen, Herausforderungen

Die Verantwortlichen für die offene Kinder und Jugendarbeit ? die freien Träger, die öffentlichen Träger und die Fachkräfte ? müssen sich mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben, befassen, Entscheidungen treffen und diese in der jugendpolitischen Öffentlichkeit zur Diskussion stellen.

Zu den thematischen Herausforderungen gehört
? die Ganztagsschule mit den Chancen zur Zusammenarbeit, mit den Veränderungen, die sie für die Freizeit bewirkt und mit dem Bedarf an Förderungs- und Betreuungsleistungen, die sie an die offene Kinder? und Jugendarbeit heranträgt.
? die Rolle von Kindern und Jugendlichen im Gemeinwesen angesichts der Debatte über das Verhältnis der Generationen, der Verarmungsprozesse von Familien, der Entwicklungen am Arbeits- und Ausbildungsmarkt.
? die Interessenvertretung und Partizipation durch und für Kinder und Jugendliche, die sowohl nach außen in den politischen Raum, als auch nach innen in den Angeboten und Organisationsstrukturen der offenen Kinder- und Jugendarbeit erfolgen muss.
? die Jugendhilfeplanung und entsprechende kommunalpolitische Entscheidung für die offene Kinder- und Jugendarbeit, mit dem Ziel, gerade angesichts leerer Kassen mittelfristig Planungssicherheit zu gewährleisten.
? die angemessene landespolitische Schwerpunktsetzung durch einen verbindlichen gesetzlichen Rahmen, der die erforderliche Planungssicherheit auf kommunaler Ebene flankiert.
? die Verknüpfung zwischen Praxis, Forschung und Ausbildung der Fachkräfte.




Thesen der Referentinnen und Referenten
der AGJ?Fachveranstaltung:.
„Zukunftsmodell offene Kinder? und Jugendarbeit !?"

03. Juni 2004, 9.00 ? 10.30 Uhr
Ort: Universität, HVZ, Kolpingstr. 7, Raum London

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DR. ULRICH DEINET
Fachhochschule Düsseldorf

Zukunftsmodell offene Kinder? und Jugendarbeit?

Die offene Kinder- und Jugendarbeit stellt sich als sehr komplexes pädagogisches Handlungsfeld dar. Es ist gekennzeichnet durch einen beständigen Veränderungsprozess, der auf die sich wandelnden Bedarfe von Kindern und Jugendlichen, ihre Fragen und Probleme immer neu antworten muss. So haben sich im Laufe der Entwicklung der offenen Kinder- und Jugendarbeit vielfältigste Arbeitsweisen, institutionelle Formen, konzeptionelle Ansätze und methodische Handlungsweisen ausgebildet. Die Differenziertheit, Prozessförmigkeit und Widersprüchlichkeit des Feldes spiegeln sich in den vielfältigen pädagogischen Debatten um Konzepte und Praxis der offenen Kinder- und Jugendarbeit wider.
Um die aktuellen Probleme zu beschreiben, möchte ich an dieser Stelle Auszüge aus der von mir mit verfassten Resolution „Jugendarbeit erhalten und verbessern" (die inzwischen von über 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mitgetragen wird) wiedergeben:

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (§ 11) gibt Kindern und Jugendlichen das Recht auf einen von ihnen gestaltbaren Freiraum, der sich ganz den Interessen der Kinder und Jugendlichen und ihrer Selbstbildung widmet. Jugendarbeit ist ein Lernfeld, das Jugendlichen die Möglichkeit gibt, die Chancen demokratischer Gestaltung zu erfahren.

Vielfältige Forschungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche das Angebot der Jugendarbeit vielfach als ein nicht fremdbestimmtes Lern? und Handlungsfeld nutzen und es sehr schätzen.

Die (offene) Kinder- und Jugendarbeit steht derzeit vor Herausforderungen bislang ungekannten Ausmaßes, die sich kaum mehr mit einer Zuordnung zu einer periodisch wiederkehrenden Krise decken lassen. Eine sich wechselseitig beschleunigende Konstellation aus umfassenden gesellschaftspolitischen Umbrüchen, anhaltender (jugend)politischer Ratlosigkeit und vorgeblich alternativlosen Spar- und Kürzungszielen stellt auch die bisherige Funktion der Kinder- und Jugendarbeit in beispielloser Weise in Frage. Hatte die Jugendarbeit sich jahrelang Klagen über ? von statistischen Daten nicht zu belegende ? Kürzungen hingegeben, so ist tatsächlich seit 2002 ? und verstärkt aktuell ? ein massiver Abbau von Fördermitteln, Stellen und Einrichtungen zu beobachten. Hinzu kommt der Trend, Einrichtungen und Dienste der offenen Kinder? und Jugendarbeit den Schulen zu unterstellen und damit den eigenständigen Charakter und die besonderen pädagogischen Chancen außerschulischer Bildung aufzuheben. Die von Schule häufig vorgegebenen Aufgaben von Betreuung, Sozialarbeit, Lernhilfe und sozialer Kontrolle sind nicht mehr Jugendarbeit im Sinne des Kinder? und Jugendhilfegesetzes.



Jugendarbeit als eigenständiges Lern? und Erfahrungsfeld ist keineswegs verzichtbar. Die anhaltenden gesellschaftlichen Krisen und Modernisierungsrisiken setzen Lernprozesse im Umgang mit Pluralität, Komplexität und Ungewissheit auf die Tagesordnung. Angesichts vielfacher Unwägbarkeiten, Ungewissheiten und Risiken der Lebensführung bedarf es in besonderem Maße hierfür angemessener Orte und Professionen, in denen Jugendliche ihre individuellen biografischen Optionen austesten können. Hierfür steht die Jugendarbeit als expliziter außerschulischer Lern? und Bildungsort.

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PROF. DR. BENNO HAFENEGER
Philipps?Universität Marburg

Bildungsverantwortung der offenen Kinder? und Jugendarbeit

Das Feld kommt in letzter Zeit ? nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Krisenentwicklungen und Existenzfragen, von ökonomischen Effizienzdenken und Sparpolitik mit Blick auf seine Alltags? und Bildungsbedeutung wieder stärker in die fachliche Diskussion.

1. Bildungsprofil
Die neuere Differenzierung der Lernbegriffe und ?dimensionen in formelles, nicht-formelles und informelles Lernen hat auch den Blick für eine sozialpädagogische Bildungskonzeption (mit den Merkmalen "Lebenskompetenz" und "Zukunftsfähigkeit", "Offenheit" und "Orientierung") und damit auch für die offene Kinder- und Jugendarbeit neu geschärft.

Dabei ist ? neben den Diskursen um die Grenzen, des als legitim Geltenden, die Paradoxien wie Scheitern und Ungewissheit ? auf drei Profildimensionen hinzuweisen: erstens die Chancen und Möglichkeiten des informellen Lernens, zweitens des Peer?Lernens und drittens der professionell arrangierten Lernangebote und ?gelegenheiten. Allen ist im Kern gemeinsam: die eigene, spezifische (und von schulischer Bildung) abgrenzbare Bedeutung von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung; dann die Anerkennung im zwischenmenschlichen Bereich und die Erfahrung eigener Kompetenzen und eigener Fähigkeiten; etwas zu bewirken, was Sinn hat und Sinn schafft.

2. Bildungsbeiträge
a) Lernen en passant/nebenbei
Offene Kinder? und Jugendarbeit ist ein Teil des vielschichtigen lebensweltlichen Alltages für viele Kinder und Jugendliche: hier halten sie sich ? mehr oder weniger oft und lange ? auf, machen sie was und machen mit, treffen Freunde, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die z.B. über eine Sache ganz anders denken und sie stutzig/nachdenklich machen; hier werden sie mit Situationen konfrontiert, beobachten sie und hören zu, bilden sie sich eine Meinung; hier haben sie Streit und Konflikte, bekommen sie für ihre Kompetenzen positive Rückmeldungen und Anerkennung u.v.a. Dieser Alltag wäre aufmerksamer und genauer mit der Perspektive zu beobachten und zu beschreiben: wie Jugendliche gerade auch im "unspektakulären, kleinen Alltag" mit sich selbst, untereinander und der Einrichtung sowie den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen umgehen; wie Selbstbildungsprozesse (mit ihrem Tun, mit Anlässen, Konflikten, mit ihren Orten, Szenen, Gelegenheiten, im Umgang mit Regeln und Grenzen) aussehen. Dabei wäre dann
zu klären, wie diese Selbstbildungsprozesse (situativ) durch aufmerksames Dabeisein, wache Präsenz und kluge Begleitung ("Interventionen"). der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gefördert und gestützt werden können.

b) Peer-Education
Lernen in ,Gleichaltrigenzusammenhängen' bedeutet: zu kommunizieren, Regeln auszuhandeln, zu streiten, zuzuhören, aufeinander einzugehen, Kompromisse zu finden und Dissens festzustellen; zu planen, Zuständigkeiten zu klären, Kompetenzen und Fähigkeiten abzustimmen; Entwicklungsthemen und -aufgaben zu bewältigen; Geschlechterrollen einzuüben und zu testen; praktisch was zu machen; sich einbinden und Freundschaften/Beziehungen finden.

c) Bildungsangebote
Und ein dritter Aspekt liegt schließlich in den "vermittelnden" ? möglichst vielseitigen und niedrigschwelligen, aber auch anspruchsvollen und lernprovozierenden ? Angeboten bzw. -arrangements der Profession (in Projekten, AGs, Seminaren, in der Gestaltung und Aneignung der Einrichtung, Arbeitsgruppen): Diese wären zu verbinden mit angemessenen Formen der Kontaktaufnahme, der gemeinsamen Verständigung über Angebote (von Werkstätten, Kultur über Medien, interkulturelle Kontakte, internationale Begegnungen bis zur Bewegung) und tragfähigen Arbeitsbündnissen. Das Setting ist hier: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bieten in Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen klug, anregend und gut vorbereitet an, was sie können, welche Kompetenzen sie haben und anbieten. Sie zeigen, was ihre besonderen Ressourcen (Qualifikationen) und auch Beziehungsräume sind ? und sie laden Kinder und Jugendliche ein, machen sie neugierig, interessieren und motivieren sie.

3. Selbstbildung
Bildung findet in jeder Wirklichkeit statt und alle "Bildung ist Selbstbildung" ? diese wiederholt vorgetragene Erkenntnis gilt ebenso wie die Erkenntnis, dass "das Leben bildet". Offene Kinder- und Jugendarbeit kann wichtige Gelegenheiten und Anlässe bieten, Selbstbildung zuzulassen, zu ermöglichen, zu fördern und eine eigene (abgrenzbare) Bildungswelt sein. Da wir um die Bedeutung von Situationen und Ereignissen, von Eigenzeiten und Eigensinn, von den Offenheiten und Ungewissheiten bei Selbstbildungsprozessen wissen, wäre hier die offene Kinder- und Jugendarbeit als Feld zu verorten, das mit ihren offenen, wenig kontrollierten und reglementierten (aber gleichsam Grenzen setzenden bzw. vereinbarten) Gelegenheiten und Orten genau dies als "innere Dynamik" zulässt und "nach außen" gegen die Ökonomisierung des Sozialen und der Bildung verteidigt.


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GRIT KALINKA
Geschäftsführerin, AGJF Sachsen e.V.

"Zukunftsmodell offene Kinder- und Jugendarbeit!?"

Thema: Welche Integrationsleistung vollzieht die offene Kinder? und Jugendarbeit und ist diese ausreichend?

Die Integrationsleistung bezieht sich in erster Linie auf das Gemeinwesen. Dies schließt aber einen weiterreichenden Integrationsgedanken, z. B. die Integration spezieller Zielgruppen, nicht aus. Offene Kinder- und Jugendarbeit muss sich diesbezüglich im Spannungsfeld zwischen dem eigenen Anspruch, als Ort sozialen Lernens mit der Möglichkeit des Erwerbs sozialer Kompetenzen und den ordnungspolitischen Vorstellungen einer Sozialintegration bewegen.

Offene Kinder- und Jugendarbeit kann ein Bestandteil sein, der Kinder und Jugendliche in das Gemeinwesen integriert. Durch erfolgreiche Beteiligung in Form von Partizipationsmodellen und die offensive Möglichkeit der Mitgestaltung in einem Aneignungsprozess wird seitens der Sozialarbeit dafür Raum gegeben, und sie kann damit eine Integrationsleistung vollziehen.

Da eine Grundversorgung mit offener Kinder- und Jugendarbeit in vielen Städten und Gemeinden in Frage gestellt wird, wird das Empfinden der Jugendlichen persönlich angenommen zu sein, zunehmend enttäuscht. Insbesondere in den ostsächsischen ländlichen Regionen ist der Prozess der Auseinandersetzung mit der individuellen und sozialen Lebenswelt im Kontext zwischen Abwanderungsdruck und regionalem Bleibewunsch Bestandteil offener Kinder- und Jugendarbeit. Politisch nicht gelöste Aufgaben, wie Lehrstellenmangel und Arbeitslosigkeit, können durch offene Jugendarbeit nicht gelöst werden.

Jugendarbeit kann zukünftig gelingen, wenn Defizitzuschreibungen, Sonderprogramme und kurzzeitige Konzepte für spezielle Auffälligkeiten und Problemlagen einem zentralen Grundverständnis der Gestaltung von positiven anregenden Lebensräumen weichen. Jugendarbeit kann aber nicht für eine verfehlte Politik in die Pflicht genommen werden. Sie muss aber die bestehende Ordnung in Frage stellen und Jugendliche über partizipative Arbeit zur Mitbestimmung und Mitgestaltung anregen.

Thema: Wo sehen Sie Zukunftsfelder der offenen Kinder- und Jugendarbeit?

Ziel muss sein, eine Stabilisierung und bedarfsgerechte Anpassung von offener Kinder? und Jugendarbeit als Basisangebot der Städte und Gemeinden zu erreichen.

Die Ausdifferenzierung der Arbeits- und Organisationsformen muss weiter forciert werden, um insbesondere die Kinder und Jugendlichen in den ländlichen Regionen zu erreichen. Dabei obliegt es den Sozialarbeitern, durch die Kenntnisse des Sozialraumes und der Zielgruppen, Projekte zu initiieren und Möglichkeiten der Mitgestaltung und erfolgreichen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen zur Aneignung ihrer Lebenswelt zu entwickeln.

Aufgrund der demographischen Verschiebung und der weiter andauernden Abwanderung von zumeist jungen Menschen muss es Jugendarbeit gelingen, sich klar zu anderen Arbeitsfeldern abzugrenzen. Dies bedeutet, nicht als Lückenbüßer für andere Arbeitsfelder, wegen zunehmender Finanzknappheit, herangezogen zu werden, sondern den eigenständigen Auftrag als Ort außerschulischer Bildung, der auf die Vermittlung von Kompetenzen abzielt, zu stärken.

Auch zukünftig wird das Anbieten von Räumen, die zur Erweiterung der Erlebnis? und Erfahrungsmöglichkeiten in einer Balance zwischen Beziehungsarbeit und themenzentrierter Sacharbeit liegen, vordergründig sein. Träger der offenen Kinder? und Jugendarbeit benötigen ein eigenständiges Profil und werden sich zunehmend durch Projektarbeit und eine stärkere Einbeziehung der 11 bis 14?Jährigen auszeichnen.


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GUDRUN KREFT
Jugendamt Freiburg, Vorsitzende des AGJ?Fachausschusses „Jugend, Bildung, Beruf`

Ist das Thema Sozialraumorientierung bei den Fachkräften der offenen Kinder? und Jugendarbeit angekommen und wie stellt sich das in der Praxis dar?

Thesen

1. Zur Beschreibung des Sozialraums können viele Grundlagen herangezogen werden, z.B. der Sozialatlas, die Stadtplanung, die Einwohnerstatistik mit Erwerbsbeteiligung und Wohnsituation. Das Problem ist, dass sich die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen darin nur zu einem kleinen Teil abbildet. Die Fachkräfte in der Kinder? und Jugendarbeit müssen den Sozialraum „ihrer" Kinder und Jugendlichen erfassen.

2. Sozialraumorientierte Kinder- und Jugendarbeit wird durch die Zielgruppen definiert. Die Lebens? und Aktionsräume von Kindern und Jugendlichen ändern sich mit jedem Lebensjahr und wachsen mit zunehmendem Alter. Er wird geprägt durch Fixpunkte: Wohnung, Schule, Einkaufsmarkt, Spielgelände, Sportflächen, Jugendtreff, Öffentliche Einrichtungen und Plätze, usw.

3. Die Lebensweltorientierung ist für die offene Kinder- und Jugendarbeit eine essentielle fachliche Grundlage. Die Fachkräfte müssen wissen und sich immer wieder vergewissern, wie Kinder und Jugendliche in ihrem Einzugsbereich leben, was ihren Alltag prägt und welche Unterstützung und Förderung gebraucht wird. Das gehörte immer schon zu einer qualifizierten Kinder- und Jugendarbeit.

4. Die Fachkräfte in den offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen haben sich in den letzten Jahren mit vielen finanziellen Einschränkungen und Legitimationsanfragen abplagen müssen. Ein „volles Jugendhaus" verschafft kommunalpolitisch eine bessere Legitimation, als der regelmäßige Kontakt zu Cliquen auf Schulhöfen und Stadtteilparks ? solange diese unauffällig sind. Aber auch die häufig postulierte Arbeitsteilung zwischen Jugendzentrum, mobiler Jugendarbeit und Streetwork („wir sind ? nur ? für unser Haus verantwortlich") hat den sozialräumlichen Blick verschleiert, selbst wenn es sich um die gleichen Jugendlichen handelt.

5. Die offene Kinder- und Jugendarbeit muss Kontakte zu Schulen, Kindergärten, Kirchengemeinden, Vereinen, ASD und Jugendsachbearbeitern der Polizei, aber auch zu Betrieben und Sponsoren knüpfen und sich einbinden in die Vernetzungen. Vor allem die Kompetenz der Kinder und Jugendlichen als Experten in eigener Sache ist einzubeziehen.

6. Die Fachkräfte der offenen Kinder- und Jugendarbeit kennen die Interessen und Wünsche der jungen Menschen und können diese Interessen mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen

anwaltschaftlich in die öffentliche Diskussion einbringen. An der Gestaltung der offenen Jugendarbeit lässt sich ablesen, ob sie als „Agenten der Erwachsenengesellschaft` sich um eine möglichst lautlose Organisation der offenen Jugendarbeit abseits der Öffentlichkeit bemühen oder ob sie den jungen Menschen als „Scouts" bei der Erforschung und Aneignung der öffentlichen Räume dienen.


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PROF. DR. BENEDIKT STURZENHECKER
Fachhochschule Kiel

Folgende Fragen wurden mir gestellt:
1. „Haben sich die Konzepte der offenen Kinder- und Jugendarbeit auf Grund veränderter Lebenslagen verändert und geht dies mit einer ausreichenden Praxiskritik einher?"
2. „Was muss offene Jugendarbeit tun, um ihr bedrohtes Gewicht wieder zurückzugewinnen?"

Dazu einige pointierte Diskussionsthesen

Zu Frage 1: „Haben sich die Konzepte der offenen Kinder- und Jugendarbeit auf Grund veränderter Lebenslagen verändert und geht dies mit einer ausreichenden Praxiskritik einher?"

Die Frage lässt sich deuten in Bezug auf wissenschaftlich?theoretische Konzeptentwicklung und Praxiskritik (a) und auf die Veränderung der Praxis in Bezug auf Konzipierungen und Selbstkritik (b).
zu a) Die theoretischen Konzepte haben sich rasant entwickelt, besonders die Konzipierung von offener Jugendarbeit als „Bildung" wurde deutlich ausgearbeitet (Hafeneger, Lindner, Scherr, Sting, Sturzenhecker, u.a.), der sozialräumliche Ansatz hat besonders den Aneignungsaspekt deutlicher ausgearbeitet (Deinet), Peer Education wurde präzisiert (Nörber) ebenso wie die Weiterarbeit am Beziehungsansatz (Schröder), zu Schule und (offener) Jugendarbeit liegen Ansätze vor (Coelen, Deinet, Nörber, Oehlerich, u.a.), Genderansätze wurden differenziert (Rose, Graff, u.a.).
Damit geht auch eine ? mehr oder weniger scharfe ? Praxiskritik einher.

Die Wirkung dieser Konzepte in der Praxis scheint sehr gering zu sein. In einer aktuellen Untersuchung von Scherr/Delmas/Reichert zum Bildungsansatz in der offenen Jugendarbeit konnten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen keine (bildungs?)theoretischen Begriffe zur Beschreibung ihrer Arbeit verwenden; die Jugendlichen selber konnten differenzierter als ihre Pädagogen und Pädagoginnen die Lerneffekte der offenen Jugendarbeit beschreiben (s.u.).

zu b) Einerseits verändert sich die Praxis immer. Sie kann gar nicht anders, denn sie muss mit wechselnden Teilnehmern und Teilnehmerinnen und ihrem Wandel „mitgehen". Wenn sie das nicht irgendwie täte, käme niemand. In diesem Sinne gibt es andererseits keine Veränderungen, man teilt den Alltag und versucht mehr oder weniger reflektiert gute „öffentliche Eltern" abzugeben und die aktuellen Probleme/Krisen/Konflikte der Kids innerhalb und außerhalb zu bearbeiten. Insgesamt hat diese ? nicht explizit konzipierte Praxis ? durchaus positive Wirkungen auf die Kinder und Jugendlichen. Sie selber beschreiben ihre Lernerfahrungen so (Scherr u.a. 2004):
? Lernpotentiale, die aus der Heterogenität der Jugendlichen resultieren, z.B. die Begegnung zwischen älteren und jüngeren Jugendlichen, Jugendlichen mit Migrationshintergrund, zwischen Mädchen und Jungen.
? Konflikte als Anlässe für ein Lernen über gewaltfreie Konfliktregulierung
? Projekte und Aktionen, in denen verschiedene Fähigkeiten im Wege des Leaming by doing' erworben werden
? Lernen durch die Zuweisung begrenzter Verantwortlichkeit im Rahmen der Aufrechterhaltung des Betriebs (,Thekendienst').

Das sich die Praxis allerdings in expliziten Konzipierungen selber entwerfen und (kritisch) beschreiben würde (und das macht sozialpädagogische Professionalität zentral aus), ist selten. Wenn die Praktiker und Praktikerinnen ihre Arbeit beschreiben, geht es am ehesten um betreuende Freizeitangebote, Durchsetzung und Aufrechterhaltung von Regeln des sozialen Umgangs und Hilfen bei der Alltagbewältigung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen.
„Es finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass offene Jugendarbeit als Betreuung und Erziehung von Problemjugendlichen verstanden wird ? im Sim1e eines traditionellen Verständnisses von sozialem Lernen, das hinter die seit den 1970er? Jahren geführten emanzipationstheoretischen Debatten zurückfällt." (Scherr u.a.2004)

Im Kontrast dazu finden sich teilweise ausdifferenzierte spezifische Projekte der kulturellmedialen und politischen Bildung. Diese sind aber eher Sonderaktionen, die kaum in Verbindung mit dem päd. Alltag stehen. So ist z.B. eine Pädagogik des offenen Bereichs bisher nicht entwickelt worden.
Die Selbstbeschreibung der Praxis als „präventiv" ist verbreitet, aber eher als undifferenziertes (und schon gar nicht theoretisch reflektiertes) Schlagwort: „Irgendwie ist doch alles präventiv was wir tun." Die Praxis sieht sich getrieben von vielfältigen, teils widersprüchlichen Ansprüchen der Politik, denen sie (trotz Genörgel) nachzukommen versucht. Besonders im Blick auf Drogen- u. Gewaltprävention, Beseitigung von auffälligen Jugendlichen im öffentlichen Raum, Betreuung am Nachmittag und Kooperation mit Schule. Angesichts solcher Überforderungen bei gleichzeitiger Drohung, weggespart zu werden ist eine kritische Selbstreflexion kaum möglich!

Zu Frage 2.: „Was muss offene Jugendarbeit tun um ihr bedrohtes Gewicht wieder zurückzugewinnen?"

Die Bedeutung, der Lernchancen und Bildungspotentiale des Feldes, sind Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sowie der Umwelt unklar. Dass man sich fremden Konzepten (Prävention) und mächtigen Institutionen anbiedert, schadet der eigenen Arbeit. Ihr spezifischer Charakter wird verkannt/verkauft. So gerät die „Offene Jugendarbeit" in die Gefahr, durch zu viel vorauseilenden Gehorsam sich selber zu ruinieren. Es ginge darum, einen eigenen Begriff von der Qualität des bildenden Frei-Raumes Jugendarbeit zurückzuerobern und ihn offensiv zu vertreten (statt sich allen Forderungen zu unterwerfen). Dazu müsste man aber auch die theoretischen Hilfestellungen zur Kenntnis nehmen.

Im übrigen soll man immer den Vorschlägen von Benno Hafeneger und Ulrich Deinet folgen!

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