zurück   |   Druckversion04.02.2012 | eingestellt von:

Konzepte Jugendarbeit

Wie entwickeln Träger der OKJA ihre Qualität

von Norbert Kozicki

Im Folgenden werde ich diese Frage nach der notwendigen Trägerqualität in 8 Schritten aus meiner Sicht entwickeln.



1. Der Qualitätsbegriff

Die Qualitätsdiskussion in der Jugendarbeit ist keine aktuelle Erfindung. In der Fachdiskussion sind Fragen der Angemessenheit von Strukturen und Prozessen für die zu bewältigenden pädagogischen Aufgaben weniger unter dem Etikett „Qualität“ als unter den Begriffen „fachliche Standards“ u.ä. schon zuvor diskutiert worden. Durch die Qualitätsdebatte der vergangenen Jahre wird die prozessorientierte Arbeit in den Vordergrund gerückt.

Die Auseinandersetzung mit Fragen nach der Qualität der geleisteten Arbeit ist heute unverzichtbarer Bestandteil professionellen Handelns. Qualität in der Jugendarbeit darf nicht als statischer Begriff verstanden werden. Neue Ansätze in der Jugendhilfe bedeuten Anpassung der Qualität ihrer Arbeit an die sich verändernden Lebenssituationen der Kinder und Jugendlichen.

Dabei muss bedacht werden, dass Angebote und ihre Qualität aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und bewertet werden. Auf der einen Seite sind es die Kinder und Jugendlichen, denen vor dem Hintergrund des Kinder- und Jugendhilfegesetzes als Adressaten von Angeboten bei der Betrachtung und Bewertung absoluter Vorrang einzuräumen ist. Auf der anderen Seite stehen die haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitwirkenden der Träger und die Politik. Sie alle definieren ihre unterschiedlichen Ansprüche an die Qualität von Einrichtungen und Maßnahmen . Hinzu kommen weitere Beteiligte:
Öffentlichkeit, Schule, Eltern und andere Erziehungsberechtigte.

D.h. ein allgemeingültiger Standard von Qualität kann so nicht von vornherein festgelegt werden, da sich alle Beteiligten in einem dialogischen Aushandlungsprozess über die Definition von Qualität in der jeweiligen Aufgabenkonstellation austauschen müssen.

In der Fachdiskussion werden drei Dimensionen beschrieben, in denen der Qualitätsbegriff dargestellt und entwickelt wird:

Prozessqualität
Strukturqualität
Ergebnisqualität.



2. Zum Trägerbegriff in der Jugendhilfe

Da wir uns hier der Frage der Trägerqualität nähern, möchte ich die gesetzlich fixierten Anforderungen an einen Träger der freien Jugendhilfe darstellen.

Das steht im § 75 des SGB VIII oder auch Kinder- und Jugendhilfegesetz genannt.

Als Träger der freien Jugendhilfe können juristische Personen und Personenvereinigungen anerkannt werden, wenn sie auf dem Gebiet der Jugendhilfe im Sinne des § 1 tätig sind,
gemeinnützige Ziele verfolgen, aufgrund der fachlichen und personellen Voraussetzungen erwarten lassen, dass sie einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Erfüllung der Aufgaben der Jugendhilfe zu leisten imstande sind, und die Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten.

D.h. der § 1 des KJHG wird an erster Stelle erwähnt und bekommt so eine Priorität in der Betrachtung der Qualität von Trägern der freien Jugendhilfe.



3. Ziele der Jugendhilfe

Die Leitziele der Jugendhilfe sind auf Bundesebene im KJHG und auf Länderebene im Kinder- und Jugendförderungsgesetz NW festgelegt.

Im § 1 des KJHG heißt es:

Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. (Absatz 1)

Im Absatz 3 lesen wir: Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere
1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,
2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,
3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,
4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.“


Der Frankfurter Lehr- und Praxiskommentar zum KJHG vermerkt, dass dieser Paragraph die Funktion einer Generalklausel und Auslegungsmaxime für das gesamte KJHG hat.

In diesem Sinne sind die hier benannten Ziele Leitziele für die gesamte Jugendhilfe und leitend für jeden Träger der Jugendhilfe.

Auch der § 9 des KJHG muss bei dieser Betrachtung genannt werden, wo es um die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen geht.

Dort heißt es u.a.:

„Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind....die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu fördern.“

Zwischenresümee: jeder Träger der Jugendhilfe, der Wert auf Trägerqualität legt, hat diese Leitziele der gesamten Jugendhilfe konzeptionell aufzunehmen, um sie im Rahmen der eigenen Wertorientierung und Autonomie kleinzuschneiden und praxisrelevant zu bearbeiten.



4. Wertorientierung des Trägers der freien Jugendhilfe

Das bundesdeutsche Jugendhilferechtssystem ermöglicht den Trägern der freien Jugendhilfe eine gewisse Autonomie und Ausrichtung der gesamten Fördertätigkeit für junge Menschen an unterschiedlichen Werten und Weltanschauungen.

Dieses System der Subsidiarität, der Nachrangigkeit von staatlicher Aufgabenerledigung vor der der freien Träger, ist politisch gewollt und Bestandteil einer bestimmten Auffassung von demokratisch legitimierter Jugendhilfepolitik. Demokratie benötigt Pluralität, Angebotsauswahl für junge Menschen, die sich selbst entscheiden können, bei welchem Träger sie mitwirken wollen bzw. welche Dienstleistungen sie von welchem Träger wahrnehmen wollen. Das ist ein wesentlicher Teil von Partizipation: die Möglichkeit zur individuellen Entscheidung für ein bestimmtes gesellschaftliches Engagement.

Besonders vor dem Hintergrund der weltanschaulichen Neutralität von Schule kann dieser Aspekt einen besonderen Stellenwert für die Trägerqualität gewinnen, wenn es um Fragen der Partizipation und der demokratischen Teilhabe geht.



5. Merkmale eines professionellen Umgangs mit der schulischen Allokation

Im Folgenden möchte ich Ihnen 8 Qualitätsmerkmale vortragen, die für den Träger der Jugendhilfe bedeutsam werden, wenn er sich mit dem Thema Bildung und Schule beschäftigt.

Diese Qualitätsmerkmale von Jugendhilfe beziehen sich sowohl auf den Kooperationsbereich mit Schule und auf den eigenständigen Bereich der Kinder- und Jugendhilfe außerhalb von Schule.

Es gilt der professionelle Grundsatz:

SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen wissen um die Bedeutung und den Stellenwert von Bildung für die Persönlichkeitsentwicklung und für das Gelingen der sozialen Integration von Kindern und Jugendlichen und sehen deshalb die Sicherung von Schulerfolgen auch als wesentliches Ziel ihrer Arbeit.

Eine Jugendhilfe, die dem entspricht

- fördert die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen, indem sie Jugendliche bei der Entwicklung von Lebensentwürfen unterstützt und hilft ihnen, den Stellenwert von Bildung für deren Realisierung zu erkennen,

- nimmt bei Bedarf eine anwaltschaftliche Funktion für „ihre“ Kinder und Jugendlichen gegenüber der Schule im Hinblick auf deren Förderung und sie betreffende Ausleseentscheidungen wahr und bezieht die Schule und die Eltern in die Erarbeitung von Hilfeplänen und deren Umsetzung ein.


- trägt dazu bei, die Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen so zu gestalten, dass diese sich einigermaßen unbeeinträchtigt auch schulischen Lern- und Leistungsanforderungen zuwenden können.

- fördert die Bildungsmotivation und die Anerkennung schulischer Leistung in den Herkunftsverhältnissen und im Alltag der Jugendlichen, und


- bietet der Schule ihre Unterstützung bei der Konzipierung schulischer Fördermaßnahmen an und unterstützt deren Umsetzung mit ihren Mitteln,

- kennt die Strukturen und den gesellschaftlichen Auftrag der Schule und respektiert deren schulpädagogische Fachlichkeit,


- pflegt den Dialog und mischt sich auf unterschiedlichen Ebenen in die bildungspolitische Diskussion insbesondere im Hinblick auf die Wahrung der Interessen sozial benachteiligter und individuell beeinträchtigter junger Menschen ein und,

- sucht die Zusammenarbeit mit der Schule im Hinblick auf einzelne Jugendliche oder auch Gruppen.

Ein Träger der freien Jugendhilfe, der diese Merkmale eines professionellen Umgangs mit der schulischen Allokation berücksichtigt, ist hervorragend zum Kooperationspartner von Schule geeignet.



6. Kriterien für die Trägerqualität aus Sicht des öffentlichen Trägers


Der Landesjugendhilfeausschuss Rheinland hat sich in seiner Sitzung am 24. Februar 2005 mit dem derzeitigen Stand der Praxis der Offenen Ganztagsschule im Primarbereich beschäftigt. Er beauftragte die Verwaltung des Landesjugendamtes, die festgestellten Entwicklungen und Anforderungen in einem Arbeitspapier zur Planung und Steuerung der OGS auf kommunaler Ebene zusammen zu fassen.

Einer der Aspekte, der in diesem Arbeitspapier behandelt wird, ist die Trägerqualität, die – laut Kapitelüberschrift – „gewährleistet sein muss.“

Bei der Entscheidung über die potenziellen Träger sollen die Jugendämter unbedingt mit einbezogen werden, um die Trägerqualität zu beurteilen.

Die örtlichen Träger sind frühzeitig einzubeziehen, wobei den Trägern bereits bestehender Ganztags- und Betreuungsangebote aus dem Bereich der Jugendhilfe ein Vorrang eingeräumt werden sollte, mit dem Ziel, die Einrichtungen und Fachkräfte in den Sozialräumen rund um die Schulen mit ihrem fachlichen Hintergrund und ihren Erfahrungen einzubinden.

Das Papier konstatiert, dass vieles für das Modell eines freien Trägers spräche, der als „Generalunternehmer“ die Gesamtverantwortung für die außerunterrichtlichen Angebote übernimmt.

Folgende Kriterien werden für die Trägerqualität als relevant betrachtet:

- Nähe zum Sozialraum,
- Vorerfahrungen und kompetentes pädagogisches Fachpersonal,
- Verlässlichkeit gegenüber den Kindern, Eltern und der Schule,
- Gewährleistung von Dienst- und Fachaufsicht, Fortbildung und Erfahrungen in der Teamarbeit,
- Vorhandensein einer konzeptionellen Ausrichtung der außerunterrichtlichen Angebote im Sinne der Handlungsparadigmen der Jugendhilfe (Emanzipation, Partizipation, Integration, Prävention),
- Kooperations- und Vernetzungskompetenzen,
- Kompetenzen in der Zusammenarbeit mit Eltern,
- Sicherstellung der Evaluation außerunterrichtlicher Angebote.

Während sich die Merkmale eines professionellen Umgangs mit der schulischen Allokation auf die gesamte Jugendhilfe beziehen, stellen diese konkreten Kriterien aus Sicht des öffentlichen Trägers eine unabdingbare Voraussetzung für die Mitwirkung in der OGS dar. In diesem Sinne liegen Merkmale und Kriterien auf zwei unterschiedlichen Betrachtungsebenen.


7. Empfehlungen des wissenschaftlichen Kooperationsverbundes Offene Ganztagsschule
(siehe Foliensatz)


8. OGS als Haus des Lebens und Lernens: welche Bedeutung kann dieses Ziel für die Trägerqualität bekommen?


Die Offene Ganztagsschule im Primarbereich hat die Zielvorstellung, ein Haus des Lebens und des Lernens für Kinder zu schaffen. Die Bildungspotenziale von Jugendhilfe und Schule sollen zusammengeführt werden. D.h. es geht nicht nur um Übermittags- und Hausaufgabenbetreuung, sondern um die Weiterentwicklung von Schule in Deutschland und in NRW. Einige sprechen von der Neurhythmisierung und meinen damit die Veränderung der Lernzeiten in den Schulen.

Mit diesem hehren Ziel haben sich auch die Träger der Jugendhilfe auseinanderzusetzen, die im Bereich der OGS mit dem Schulsystem kooperieren.

Schon bei der Betrachtung der Merkmale des professionellen Umgangs mit der schulischen Allokation wurde die Einmischung des Trägers der Jugendhilfe auf den unterschiedlichen Ebenen der bildungspolitischen Diskussion als Qualitätsmerkmal benannt. Oft ist zu beobachten, dass sich die Träger der Jugendhilfe in guter Absicht auf ihre pädagogischen Dienstleistungen konzentrieren, während sie im Bereich der bildungspolitischen Debatte oft in einer selbstgewählten Zuschauerrolle verharren.

Diese Beschränkung vieler Jugendhilfeträger im Kooperationsverfahren mit Schule ist für die Entwicklung des Hauses des Lebens und des Lernens wenig förderlich. Wenn die Bildungspotentiale von Jugendhilfe und Schule zusammengeführt werden sollen, müssen die Bildungspotenziale der Jugendhilfe erkennbar und wahrnehmbar sein, z.B. als das andere Lernen, als informelle und nonformale Bildung.

Der Träger der Jugendhilfe hat diese Momente von informeller und nonformaler Bildung neben den Betreuungsdienstleistungen in die Schule als Lebens- und Lernort miteinzubringen, und zwar offensiv. Das markiert für mich eine neue entscheidende Trägerqualität.

Zu diesen Aspekten des Lernens im Bereich der Jugendhilfe gehört die Freiwilligkeit und Offenheit des Lernprozesses. Zu diesen Aspekten gehören einige Grundsätze, die z.B. in den gelingenden Schulen, auch Treibhäuser der Zukunft genannt, auf der Tagesordnung stehen:

-der Raum als dritter Pädagoge,
-Schüler lernen am besten von Schülern,
-altersgemischte Gruppen und jahrgangsübergreifender Unterricht,
-Entwicklung einer (Schul-)Gemeinschaft,
-Gruppenleiter und Lehrer als ModeratorInnen des Lernprozesses,
-öffentliche Präsentation der Lernprozesse,
-Achtung der Vielfalt und Einzigartigkeit der Individuen,
-Heterogenität als einer der wichtigsten Motoren des Lernens.

Jugendhilfe hat nicht das Monopol auf die wirkliche Förderung von jungen Menschen, auch Schulen entwickeln heute eine hervorragende Praxis zur Förderung von Kindern und Jugendlichen. Die jungen Menschen machen in diesen Schulen eine sehr, sehr wichtige Erfahrung: Niemand darf beschämt werden. In den gelingenden Schulen wird ein positives Klima der Anerkennung und der Belobigung aufgebaut, dass nicht nur den Schülerinnen und Schülern zugute kommt, sondern auch den Lehrerinnen und Lehrern und auch den Kooperationspartnern der entsprechenden Schulen.

Resümee: Wenn die OGS das Ziel beinhalten soll, ein Haus des Lebens und des Lernens zu werden, dann sollte es zur Qualität von Trägern der Jugendhilfe im Kooperationsbereich mit Schule werden, sich mit diesen neu gestalteten Schulen auseinanderzusetzen, denn „Finnland“ liegt im übertragenen Sinn direkt vor der Haustür, auch in NRW.


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