zurück   |   Druckversion11.12.2008 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Konzepte Jugendarbeit

Perspektiven für die Offene Kinder- und Jugendarbeit

von Norbert Kozicki

Im September 2002 fand an der Universität Dortmund ein bundesweiter Fachkongress statt. Titel der Veranstaltung: „Kinder- und Jugendarbeit – Wege in die Zukunft“. Dieser Fachkongress setzte grundsätzlich an: an einer Standortbestimmung und einer selbstkritischen Einschätzung zu den Zukunftsoptionen und dem anstehenden Reformbedarf in der Kinder- und Jugendarbeit.

Professor Thomas Rauschenbach hielt einen der wegweisenden Vorträge. Er skizzierte drei Herausforderungen für die Jugendarbeit von morgen, also für die Jugendarbeit von heute. Die gesamte Kinder- und Jugendarbeit, damit auch die Offene Kinder- und Jugendarbeit, sah er vor drei grundlegenden Herausforderungen gestellt:

1. die Konkurrenzfrage bzw. den Wettbewerb um die Gunst der Kinder und Jugendlichen angesichts der grenzenlosen Vermehrung der Freizeitmöglichkeiten, insbesondere der kommerziellen und elektronischen Angebote,
2. die Schulfrage bzw. die Frage, ob und, wenn ja, wie sich Jugendarbeit auf die Herausforderung des Ganztagsangebotes einlassen soll,
3. die Bildungsfrage bzw. die Beantwortung der Frage, wie es die Kinder- und Jugendarbeit mit der Bildung hält.

Rauschenbach führte weiter aus, dass besonders die Schul- und die Bildungsfrage über die Zukunft der Jugendarbeit entscheiden würden. Die Freizeitpädagogik glaubte er vernachlässigen zu können, weil das kommerzielle Freizeitangebot die Bedeutung und den Stellenwert der Jugendarbeit gewaltig relativiert hätte.

Diese Einschätzung aus dem Jahr 2002 hat bis heute ihre Wirkung: der Begriff Freizeitpädagogik bzw. Freizeiteinrichtung taucht kaum noch auf. Der öffentliche Diskurs zur Kinder- und Jugendarbeit findet nur noch unter den Begriffen der Bildung, Betreuung und frühen Förderung statt. Ich halte das aus der Perspektive des Jahres 2008 für einen großen Fehler, weil man sich hier von einem fundamentalen Prinzip der Kinder- und Jugendarbeit verabschiedet, nämlich der Freizeitpädagogik als Methode.

Erst, wenn man die Freizeitpädagogik als konzeptionellen Baustein links oder rechts liegen gelassen hat, kann man sich beruhigt aus der Sicht von Rauschenbach der Schul- und der Bildungsfrage widmen.

Seine zentrale These war im Jahr 2002, dass die Schul- und Bildungsfrage zur Schlüsselfrage für die Kinder- und Jugendarbeit in den nächsten Jahren würde. Vor dem Hintergrund der Entwicklung zur Ganztagsschule sah er drei Varianten der Entwicklung:

1. weiter so wie bisher, mit der Gefahr, dass Jugendarbeit zum Nischenprojekt wird;
2. die Jugendarbeit wird in das Schulsystem integriert und verliert damit ihre Eigenständigkeit;
3. es kommt zu einer wie immer gearteten Kooperation von Schule und Jugendarbeit.

Ich möchte an dieser Stelle auf folgenden Vorgang hinweisen: Die Werteorientierung in der Kinder- und Jugendarbeit sowie die Thematisierung von Sichtweisen auf das gesellschaftliche und persönliche Leben spielen hier keine Rolle mehr.

Die neue empirische Studie von Prof. Ulrich Deinet bestätigt durchaus positive Effekte in der Kooperation mit der Schule im Sinne einer Profilierung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) als Handlungsfeld. Häufig allerdings findet dieser Kooperationsprozess zu Lasten anderer wichtiger Aufgaben der Kinder- und Jugendarbeit statt. Ich benenne hier konkret die Zielgruppe der älteren Jugendlichen oder die politische Bildung in Selbstorganisationsprozessen.

Ich erwähnte zuvor die jugendhilferechtlich garantierte Freiheit der Wertorientierung der Träger und das Recht der Kinder und Jugendlichen auf Pluralität im Angebot der Kinder- und Jugendarbeit. Die Realisierung des Rechts auf Wertepluralität und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Konzepten politischer Bildung und Überzeugungen wird im KJHG nicht in der Schule verortet, sondern in der Kinder- und Jugendarbeit außerhalb von Schule. Und das ist gut so.

Ich blicke jetzt noch weiter zurück in die Vergangenheit auf der Suche nach den Perspektiven für die Offene Kinder- und Jugendarbeit von heute und gehe in das Jahr 1989 zurück.

Es war in einem kleinen „gallischen Dorf“ am Niederrhein und zwar in Nievenheim, einem Stadtteil von Dormagen. Der damalige Chef der unbeugsamen JugendpolitikerInnen der SPD-Landtagsfraktion hatte den Gedankenblitz für ein sozialpädagogisches Modellprojekt an der dortigen Gesamtschule.

Im Klartext: Auf dem Gelände der neu gebauten Gesamtschule Nievenheim wurde eine OT mit drei sozialpädagogischen Fachkräften integriert.

In der Konzeption aus dem Jahr 1989 finden sich große Worte: „Hierbei ist eine Erweiterung der schulpädagogischen Handlungsmöglichkeiten durch Bereitstellung und Einbindung von sozialpädagogischen Ansätzen, Kompetenz und Repertoire ein Grundziel dieses Projektes, das räumlich und durch konzeptionell festgelegte Handlungsfelder und -formen mit der Gesamtschule verbunden ist. ... Auf der Basis der innerschulischen Kooperation und Vernetzung zwischen schulpädagogischem und sozialpädagogischem Ansatz soll die Vernetzung der Schule mit dem Stadtteil vorangetrieben werden.“

In diesem Jahr besuchte ich die Einrichtung in Dormagen, um mich über die Entwicklung des Modellprojektes zu informieren. Die Wirklichkeit war bedrückend bei diesem Termin. Die Gesamtschule hat ca. 1.300 Schüler und bietet nur noch einmal die Woche den „Ganztag“ bis 15.00 Uhr an. Von ursprünglich drei vollen Stellen für Sozialpädagogen sind heute 1,5 Stellen übrig geblieben, die sich zwei Kollegen mit je 29 Stunden teilen. Der pauschale Monatsetat beträgt 350 Euro, hinzu kommen Honorarmittel für zusätzliche Gruppen- und Projektangebote. Aufgrund eines großen Konflikts im vergangenen Jahr hat die Schule eine Begrenzung des Alters der Zielgruppe der OT durchgedrückt. Die Zielgruppe ist 6 bis 16 Jahre alt. Dementsprechend sind die heutigen Öffnungszeiten organisiert. In der Gründungsphase war sie bis 21.00 Uhr geöffnet – heute nur noch bis 19.30 Uhr. Von den OT-Besuchern sind weniger als 50% Schüler der Gesamtschule. Viele der OT-Besucher sind als Schüler auf einer Hauptschule. Bis zu einem Drittel darf die Zeit für die Offene Arbeit reduziert werden, wenn Kooperationsprojekte mit der Schule laufen. Mittlerweile führen die beiden Mitarbeiter auch Projekte mit einer etwas entfernt liegenden Grundschule durch. Die Kinder werden dort abgeholt und in die OT gebracht, um AGs durchzuführen. Jugendliche, die ihren 17 Jahre und älter sind, dürfen die Einrichtung nicht mehr besuchen. Als Ehrenamtliche können sie die Einrichtung weiter nutzen.

Der neue Schulleiter steht der OT äußerst skeptisch gegenüber. Wenn er Hausverbote erteilt, erhalten die Sozialpädagogen der OT eine schriftliche Benachrichtigung in ihrem Fach – mit der Folge, dass sie das Hausverbot auch für die OT aussprechen müssen, da sich die Einrichtung im Schulgebäude befindet. Damit wird die pädagogische Autorität der Sozialpädagogen, die beim IB (Internationaler Bund) angestellt sind, den Jugendlichen gegenüber untergraben. Der neue Schulleiter hat verstärktes Interesse daran, aus den benachbarten Stadtteilen Schüler mit gymnasialer Empfehlung „einzuwerben“. Damit wird das Konzept der Öffnung in den Stadtteil hinein komplett unterlaufen. Die abgeschulten Schüler, die von der Gesamtschule zur Haupt- bzw. Förderschule versetzt wurden, kommen als Nutzer der OT wieder auf das Schulgelände, was von der Schulleitung nicht gern gesehen wird.

Die Leiterin der Einrichtung betont, dass es absolut keinen partnerschaftlichen Umgang auf Augenhöhe gebe. Die Nutzung der Räume innerhalb der OT, die sich im Keller des Schulgebäudes befindet, dokumentiert diesen Zustand. Innerhalb des OT-Bereichs nutzt der Mensaverein Räume zur Lagerung und betritt die Einrichtung, auch wenn die Hauptamtlichen nicht anwesend sind. Alles, was Schule gebrauchen kann, wird umgesetzt, z.B. führen die beiden Hauptamtlichen zu Beginn des Schuljahres zweitägige Projekte mit zwei von insgesamt sieben Schulklassen zum Thema „Wie werden wir eine Schulklasse?“ durch. Die LehrerInnen beteiligen sich an diesen Projekten nicht. Auf Nachfrage betonte die Leiterin, es sei ideal, wenn außerhalb der Schule Räume alternativ gefunden werden könnten, um die sozialpädagogische Arbeit autonom und qualifiziert fortsetzen zu können. Kurzum: dieses Modellprojekt ist so gescheitert, wie ein Modellprojekt nur scheitern kann!

Was können wir daraus für die Perspektiven der Offenen Kinder- und Jugendarbeit lernen? Ich komme später auf diese Fragestellung zurück.

Wir machen einen Sprung ins Jahr 2008. Irgendwo im Ruhrgebiet gibt es eine Förderschule, in der folgende Tatsachen zu beobachten sind: Vor fünf Jahren lebten ca. 30% der Erziehungsberechtigten auf Sozialhilfeniveau. Heute sind es bereits 70% auf dem Niveau von Hartz IV. In einer Klasse mit 27 Kindern erhalten 13 Hilfen zur Erziehung. Fünf Kinder sind aus den Familien/Lebensgemeinschaften und in Obhut genommen worden. Eines der Kinder aus der Schulklasse ist ständig in der Psychiatrie. Fürs Wochenende erhalten die Kinder Care-Pakete, damit sie sich ausreichend an den Tagen ohne Schule ernähren können. Mentoren versuchen engagiert, den Jugendlichen Eröffnungschancen in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Der Schulleiter äußerte im Rahmen eines Treffens zu einer Projektentwicklung größtes Interesse an der Kooperation mit außerschulischen Bildungsträgern und Einrichtungen der Freizeitpädagogik.

Was können wir aus diesem Beispiel von schulischer Realität für die Perspektiven der Offenen Kinder- und Jugendarbeit lernen ?

Das Beispiel Dormagen:

Da, wo die Offene Kinder- und Jugendarbeit mit älteren Jugendlichen im freizeitpädagogischen Bereich auf dem Schulgelände arbeitet, gibt es massive Störungen von Seiten der Schule, weil ältere Jugendliche hin und wieder stören. Beide Systeme können es nicht miteinander – jenseits der Praxis der preiswerten Ganztagsangebote für Kinder und Teenies. Eines ist sehr wichtig festzuhalten: Das System Schule im Überlebenskampf der unterschiedlichen Schultypen bevorzugt Kinder, Teenies und Jugendliche aus bildungsnahen Schichten. Haupt- und Förderschüler stören den Prozess der Profilierung am Markt der Einschulung. Dieser Konkurrenzkampf der unterschiedlichen Schultypen wird sich in naher Zukunft noch verschärfen mit den entsprechenden Konsequenzen à la Dormagen-Nievenheim.

Das Beispiel Förderschule:

Die Förderschule sehnt sich nach den Unterstützungsmöglichkeiten von außerschulischen Bildungsorten und freizeitpädagogischen Einrichtungen, um die Kinder, Teenies und Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten weiter fördern zu können. Es ist so etwas wie ihre letzte bzw. zweite Chance. Als erstes Ergebnis für die Betrachtung der Perspektiven der Offenen Kinder- und Jugendarbeit möchte ich festhalten, dass ihre Perspektiven mit der realen Lebenswelt der Heranwachsenden verknüpft sind. Und diese Lebenswelten zeichnen sich durch die alte schichten- bzw. klassenspezifische Sozialisation aus.

Vielen mag dieses Gegeneinandersetzen des Dormagener und Förderschul-Beispiels sehr überspitzt erscheinen. Das ist es! Denn diese beiden Kurzberichte aus dem schulischen Alltag und der Kooperation mit außerschulischen Bildungsorten entsprechen nicht der ganzen Wirklichkeit.

Im Rahmen der Kommissionsarbeit der AGOT-NRW mit dem Arbeitsergebnis der Broschüre „Auf dem Weg zur gelingenden Schule“ haben wir gelernt, dass sich bereits Schulen auf den Weg gemacht haben, die Förderung von Kindern und Jugendlichen in den Vordergrund zu stellen, und nicht die Selektion nach dem Motto "wer gehört hier nicht hin". Dort, wo die neuen alten Wege der Reformpädagogik des 20. Jahrhunderts mit neuem Leben erfüllt werden, dort wo Wertschätzung, Stärkung und Motivierung junger Menschen im Vordergrund stehen, dort scheint die Kooperation mit den außerschulischen Bildungsorten und freizeitpädagogischen Einrichtungen konfliktfrei und kollegial zu verlaufen. Das konzeptionelle Denken, dass das Kind bzw. der Jugendliche im Zentrum aller pädagogischen Bemühungen steht, ermöglicht die Überwindung der Barrieren, die häufig von den Institutionen selbst gesetzt werden.

Das stellt für mich die wesentliche Aufgabe im Rahmen der Perspektivbildung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit dar, nämlich die Darstellung der erfolgreichen pädagogischen Förderprozesse von Kindern und Jugendlichen und deren Mitwirkung an der Schaffung eines Bildungssystems, das von der Kinder- und Jugendarbeit gelernt hat. Mit „Bildungssystem“ meine ich hier mehr als die Schule, nämlich die Vernetzung aller Bildungsorte im Gemeinwesen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat einmal ein „Emissionsschutzgesetz“ vor Lehrerpessimismus und Lehrerdemütigungen gefordert. Durch die Botschaften der Erniedrigung würden einige Lehrer zu einer „Klimaschädigung erster Größenordnung“ beitragen. Sloterdijk kritisiert das Gros der Schulen in Deutschland als eine Art „Impfprogramm, bei dem Kränkungen verabreicht werden“. Mit dem Abschluss nach der 13. Klasse verließen die Schüler „die Schule nach 13 Jahren wie Landsknechte eine aufgelösten Armee“. Würde in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit die Atmosphäre des Pessimismus und des Infragestellens vorherrschen, so wären diese Bildungsorte des Miteinanders von Kindern und häufige deren Familien sofort zu schließen.

Eine förderliche Haltung in pädagogischen Situationen lässt sich dadurch beschreiben, dass die Selbstachtung von Kindern und Jugendlichen vorrangig gefördert wird. Das geschieht in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in dem herabsetzende Äußerungen vermieden werden, die Wichtigkeit jeder einzelnen Person verdeutlicht und versucht wird, Situationen zu suchen, die diese Selbstachtung stärkt; dazu gehören ferner Achtung, Wärme und Rücksichtnahme. In einer pädagogischen Haltung, die hilfreiche konzeptionelle Aspekte für die Gestaltung von Hilfen zur Erziehung liefert, werden genannte „Tugenden“ als Qualitätskriterien betrachtet. Wir sollten an dieser Stelle von den konzeptionellen Debatten im Bereich der Hilfen zur Erziehung lernen, zum Beispiel auch aus den Erfahrungen der so genannten Individualpädagogik.

Das bedeutet für den alltäglichen Umgang mit allen Kindern und Jugendlichen in den Jugendeinrichtungen:

l Wir wertschätzen den anderen, nehmen an ihm teil .
l Wir schenken dem anderen Geltung, erkennen ihn an, heißen ihn willkommen, sind ihm zugeneigt.
l Wir sind rücksichtsvoll, zärtlich, behandeln ihn liebevoll.
l Wir ermutigen ihn, behandeln ihn wohlwollend.
l Wir vertrauen ihm (= Wir trauen ihm was zu!).
l Wir halten zu ihm, stehen ihm bei, beschützen ihn, umsorgen ihn, helfen ihm,trösten ihn.
l Wir öffnen uns ihm gegenüber.
l Wir sind ihm nahe.

Diese Verhaltensweisen und Haltungen werden verstärkt durch die Umsetzung von methodisch strukturierten pädagogischen Situationen. In diesem Sinne kann das Schulsystem jenseits der „gelingenden Schulen“ von der Offenen Kinder- und Jugendarbeit lernen. Die „Reichweite“ der pädagogischen Handlungsmöglichkeiten und Wirkungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit muss in nächster Zeit vor diesem Hintergrund deutlicher herausgestellt werden.


Die AGOT-NRW hat im Arbeitskreis G 5 auf NRW-Landesebene ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Das Wissen zur Kinder- und Jugendarbeit“ angeregt. In diesem Forschungsprojekt werden alle bisherigen Einzelforschungen zu den Wirkungen der Kinder- und Jugendarbeit gesammelt, erfasst und beschrieben. Zum Bereich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit liegen ebenfalls insgesamt 11 Studien aus den Jahren 2001 bis 2008 vor. Dazu gehören die Strukturdatenerhebungen im Bereich des Wirksamkeitsdialogs, die von der Politik kaum oder gar nicht wahrgenommen werden. Auch die Enquetekommission „Chancen für Kinder“ hatte bei ihrer Arbeit diese Untersuchungen nicht vorliegen.

Unsere Aufgabe wird es in Zukunft sein, dieses empirische Wissen in die öffentlichen Diskurse und in den politischen Raum zu tragen. Es wird weiterhin unsere Aufgabe sein, neue Forschungsprojekte zu einzelnen Aspekten der Wirkungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu initiieren, z.B. unter der Fragestellung „Wie kann OKJA einrichtungs- und stadtteilbezogen Familien/Lebensgemeinschaften in Armut so stärken, dass die Betroffenen nicht in die Abwärtsbewegung der Armutsspirale geraten?“ – mit allen Folgen für die Lebensgestaltung der Betroffenen.

Ich darf an die Studie von Wiebken Düx und Erich Sass zum Kompetenzgewinn im freiwilligen Engagement erinnern. Diese wissenschaftliche Studie belegt erstmalig im neuen Jahrhundert, welche Kompetenzen im freiwilligen Engagement ausgebildet werden können. Ich habe sie gezählt: Es sind nahezu 60 Kompetenzen, die konkret in der Studie benannt werden. Hier gewinnt die These, dass 70% außerhalb von Schule gelernt wird, ihre konkrete Bedeutung. Weiterhin müssen wir auf der Ebene der AGOT-NRW den Skandal an den Fachhochschulen und Universitäten thematisieren, dass „pädagogische Kinder- und Jugendarbeit“ kaum noch Thema ist. Dass die Landesregierung schon seit einigen Jahren keine Fortbildungen für haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr finanziert, gehört ebenfalls hier her. Die Position „Förderung des Ehrenamtes außerhalb der Jugendverbände“ wurde „auf Null reduziert“; dies mit der Bemerkung, die Förderung des Ehrenamtes sei nunmehr eine Querschnittsaufgabe.

Seit dem Sommer 2007 erleben wir eine Krise des Weltfinanzsystems in unvorstellbarem Ausmaß. Seit dem Beginn der Weltkrise sind über 23 Billionen Dollar als Wertverluste an den Börsen dieser Welt zu verzeichnen. Allein am US-amerikanischen Hypothekenmarkt stehen noch immer 11 Billionen Dollar Kredite aus. Diese Geldsumme entspricht fast der Wirtschaftsleistung der USA. Diese Summe würde ausreichen, um weltweit über 55 Millionen Einrichtungen der Offenen Tür im Wert von 200.000 Dollar zur Verfügung zu stellen. Wir erleben das Ende einer besonderen Form des Kapitalismus, der sich über die vergangenen 20 bis 30 Jahre entwickelt hat. Die Krise beendet eine neoliberale, vom Finanzmarkt dominierte Phase der Globalisierung. Parallel zu dieser Entwicklung entwickelte sich eine öffentliche Armut in den öffentlichen Kassen der unterschiedlichen staatlichen Ebenen. Wer das große Geld schützen will, muss die öffentlichen Ausgaben knapp halten, damit keine Inflation entsteht, die das „große Geld“ vernichten würde. Das ist der reale neoliberale Kern aller Kürzungs- und Sozialabbau-Politiken der letzten Jahre. Das war die grundsätzliche Politik im Interesse des Finanzkapitals.

Die vergangenen 10 Jahre werden von einigen Wissenschaftlern als die Dekade der Entstaatlichung bezeichnet. Der Ökonom Peter Bofinger von der Universität Würzburg konstatiert: „Eine der entscheidenden Fragen für die Zukunft der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft ist die Rolle des Staates ... Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wird für Deutschland als eine Dekade der Entstaatlichung in die Geschichtsbücher eingehen. ... (Es) wurden die finanziellen Ressourcen des Staates massiv reduziert und damit seine Möglichkeiten, die Zukunft aktiv zu gestalten ...“

Auch die Kinder- und Jugendarbeit war und ist von diesem Prozess betroffen: Der Abbau von Personal- und Vollzeitstellen, die Ausweitung der Halbtags- bzw. Teilzeitarbeit, die Kürzungen der Programm-Etats sowie das Ausbleiben von investiven Mitteln für die Modernisierung der Einrichtungen der Offenen Tür sowie die Schließung von vielen Häusern markieren genau den genannten Prozess der Entstaatlichung in unserem Handlungsfeld.

Als ich 1982 meine Stelle beim FBF NRW antrat, verfügte ein großer Trägerverein in unserem Dachverband über 25 sozialpädagogische Fachkräfte in 8 Kinder- und Jugendhäusern. Heute hat dieser Verein nur noch 11,5 sozialpädagogische Fachkraftstellen – und das alles bei enormer Ausweitung der Aufgabenstellung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit!

Der neue Bericht der Enquetekommission des Landtags zum Thema „Chancen für Kinder“ spricht davon, dass die Infrastruktur der Jugendarbeit zerstört zu werden droht. So deutlich haben wir das selbst noch nicht formuliert – kritisch angemerkt!. Diese Formulierung – von allen Fraktionen des Landtags getragen – sollten wir als Steilvorlage benutzen, um damit offensiv umzugehen. Was wir in naher Zukunft ebenso benötigen, sind politische Initiativen der Betroffenen selber. Die Schülerinnen und Schüler, die im November den Streiktag gegen das BRD-Bildungssystem selbstständig organisiert haben, zeigen damit die richtige Richtung auf.

Die kleiner werdende Bevölkerungsgruppe der jungen Menschen muss Möglichkeiten zum persönlichen Erfahrungsaustausch, zur politischen Information und zur Solidarisierung an die Hand bekommen. Die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit können hier eine wichtige Rolle übernehmen. Überwunden werden muss die aktuelle persönliche Isolierung vieler junger Menschen und ihre Einsamkeit in dieser Gesellschaft.

Die Zahlen zur demografischen Entwicklung der Bevölkerung dürfen nicht für weitere Kürzungen in der Kinder- und Jugendarbeit genutzt werden. Dieser Politik der Zerstörung der Infrastruktur der Kinder- und Jugendarbeit können wir strategisch sehr gut mit dem Begriff des „Bedarfs“ im Rahmen der Jugendhilfeplanung und der Sozialberichterstattung begegnen, flankiert mit kommunalpolitischen Initiativen der Betroffenen.

Die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit arbeiten im Sozialraum oder Stadtteil. Die gesellschaftlichen Mechanismen haben dazu geführt, dass in den Stadtteilen in Ballungsgebieten die Nachbarschaften oder sozialen Zusammenhänge kaum noch bestehen. Professor Klaus Peter Strohmeier berichtet darüber, dass sich im Ruhrgebiet einzelne Stadtteile innerhalb von vier Jahren komplett „austauschen“, d.h. Menschen ziehen weg, Menschen ziehen ein. Die Sozialstruktur bleibt dabei erhalten. Allerdings sind die Nachbarschaften und sozialen Milieus nicht mehr existent. Das hat naturgemäß auch Konsequenzen für eine Offene Kinder- und Jugendarbeit, die sozialräumlich orientiert ist. Der Stadtteil stellt nichts anderes dar als die reale Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen sowie die ihrer Eltern. In diesen Sozialräumen – die Benutzung dieses Begriffs fällt angesichts der sozialen Isolierung schwer – gilt es vor diesem Hintergrund Projekte der Gemeinwesenarbeit anzusiedeln, die in Einrichtungen der Offenen Tür stationiert werden.

Diese notwendige Stadtteilarbeit in einer professionellen Form kann von den MitarbeiterInnen in den Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit nicht mehr erbracht werden, da die personalen und finanziellen Ressourcen in den letzten Jahren systematisch abgebaut wurden. Mit anderen Worten: Wir brauchen in nächster Zeit langfristige Projekte der Stadtteilarbeit, die von den Kinder- und Jugendeinrichtungen ausgehen, um in der Vernetzung mit anderen Bildungsorten im Stadtteil zusammenzuwirken. Die Schule würde dann in angemessener Weise ein Kooperationspartner von vielen sein. In diesem Kontext können wir die Befragungsergebnisse der Familienberichterstattung des Zentrums für Regionalforschung von Klaus Peter Strohmeier nutzen. In diesen Befragungen haben bis zu drei Vierteln aller Erziehungsberechtigten geantwortet, dass sie in ihren Stadtteilen freizeitpädagogische Einrichtungen für ihre Kinder vermissen – eine weitere Steilvorlage für eine Jugendpolitik im Interesse der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und vor allem der Kinder und Jugendlichen!

Wenn wir über Lebenswelten und Stadtteile reden, müssen wir auch über die Armut sprechen. Dieses Problem verschärft sich trotz aller politischen Sonntagsreden zusehends. Armut isoliert und macht einsam. Dies wiederum hat Folgen für das Zusammenleben im Stadtteil und für die persönliche Lebensplanung der Betroffenen: Armut macht Zukunftsdenken und damit eine persönliche Lebensplanung unmöglich; dieser Zustand wirkt sich negativ auf alle Lebensaspekte wie Bildung, Arbeit und Freizeit aus. Augenblicklich gibt es wenig Hinweise, dass sich das Problem der Armut vor dem Hintergrund der faktischen gesellschaftlichen Entwicklung nicht noch erheblich verschärfen wird. Die Ausweitung des Niedriglohnsektors etwa, die erwartete Zunahme der Massenarbeitslosigkeit infolge der Weltfinanzkrise und die gestiegenen Lebenshaltungskosten sollen nur beispielhaft erwähnt werden.

Kinder im Ruhrgebiet beispielsweise werden in Stadtteilen groß, in denen kein Erwachsener einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Sie werden in Stadtteilen groß, in denen mehr als zwei Drittel aller Kinder von Hartz IV, Sozialhilfe oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz leben.

Das Thema der sozialen Gerechtigkeit gehört in den nächsten Jahren verstärkt auf die Agenda der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Wer tagtäglich in ihren Einrichtungen mit den Auswirkungen der Armut und Verelendung konfrontiert wird, der muss – neben den praktischen Fördermaßnahmen – die kinder- und jugendpolitische Vertretung dieser Heranwachsenden offensiv übernehmen.

Die Aufnahme des Themas der sozialen Gerechtigkeit – das bezogen auf alle: Inländer, Neudeutsche und Ausländer/Nochnichtdeutsche – markiert in Zukunft eine wichtige Schlüsselfunktion der Offenen Kinder- und Jugendarbeit; es geht hierbei um die soziale Integrationskraft dieses Arbeits- und Angebotsfeldes mit steigender Verpflichtung! In diesen Kontext gehört als zweites auch der Bildungsauftrag, den es zu erfüllen gilt – auch im Sinne der Weitergabe des „kulturellen Erbes“. Die dritte notwendige Aufgabe der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist die Förderung der jungen Menschen zu einer selbstbewussten und emanzipierten Persönlichkeit. Dieser Prozess scheint aufgrund der vorliegenden Jugendstudien auch für ältere Jugendliche besonders wichtig zu werden, um sie bezüglich ihrer Identität nachhaltig zu bestärken. Das hat auch zur Folge, dass Einrichtungen nach 17.00 Uhr und am Wochenende geöffnet werden; dies natürlich bei entsprechender personaler und finanzieller Ausstattung.

Nach allen vorliegenden Erkenntnissen muss dies alsbald politische Forderung werden. Sogar die schon erwähnte Enquetekommission des Landtags stellt folgendes klar: „Kinder und Jugendliche müssen auch bei einem Ausbau von Ganztagsangeboten die Möglichkeit haben, außerhalb von Schule am Nachmittag selbstbestimmt non-formale Bildungsangebote zu nutzen.“ (Bericht S. 187, Handlungsempfehlung: Handlungsfeld 6 „Non-formale Bildungsprozesse unterstützen“)

Die vierte Schlüsselaufgabe bezieht sich auf die Wertorientierungen der unterschiedlichen Träger; dies in dem Sinne, dass es für Kinder und Jugendlichen nach dem deutschen Jugendhilferecht verbrieft ist, Auswahlmöglichkeiten hinsichtlich unterschiedlicher Wertorientierungen zu haben. Im § 5 Abs. 1 des KJHG ist festgehalten: „Die Leistungsberechtigten haben das Recht, zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche hinsichtlich der Gestaltung der Hilfe zu äußern. Sie sind auf dieses Recht hinzuweisen.“ Und zur Erinnerung nochmals der § 3 Abs. 1 des KJHG: „Die Jugendhilfe ist gekennzeichnet durch die Vielfalt von Trägern unterschiedlicher Wertorientierungen und die Vielfalt von Inhalten, Methoden und Arbeitsformen.“

Ich beobachte, dass diese grundsätzlichen Rechtsnormierungen in der Alltagspraxis von Jugendhilfeplanung und Qualitätsentwicklung kaum bzw. auch keine Berücksichtigung erfahren. Als Beispiel möchte ich hier das Berliner Handbuch zum Qualitätsmanagement der Jugendfreizeitstätten erwähnen. Auch im nordrhein-westfälischen Wirksamkeitsdialog – nunmehr unter dem neuen Begriff „Qualitätsverbund“ – spielt die Pluralität der Werte der einzelnen Träger keine besondere Rolle. Das sollte nach meiner Überzeugung in der nahen Zukunft geändert werden.

Abschließend ein paar Bemerkungen zur zukünftigen Mediennutzung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit:

In der vergangenen Woche besuchte ich in der Akademie Remscheid eine Medientagung. Unter anderem wurde dort über Bildungsprozesse in der virtuellen Welt von „Second Life“ berichtet. Drei Beispiele zu den Formen von Bildungsangeboten seien hier erwähnt: Die Volkshochschule Goslar führt regelmäßig in der Woche VHS-Kurse im „Second Life“ durch. Universitäten bieten Vorlesungen an. Mann und Frau treffen in diesen Bildungsveranstaltungen als „Avatare“ (Karikaturen als Verkörperung der Nutzer im Internet) und interagieren miteinander. Jugendliche aus unterschiedlichsten Ländern dieser globalisierten Welt produzieren in „Second Life“ einen Film über Kindersoldaten in Afrika. In diesem Kontext entstand bei mir die Vorstellung von einem Haus der Offenen Tür in der virtuellen Welt des „Second Life“, um wieder Spaß und Freude im „First Life“ zu ermöglichen. Denn eins wissen wir: Soziale Kontakte im Netz entwickeln sich häufig zu sozialen Kontakten in der „wirklichen Realität“. Die pädagogischen Handlungsmöglichkeiten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit lassen sich bei etwas Phantasie auch im „Second Life“ präsentieren und nutzbar machen.

Phantasie an die Macht – denn wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit!


Der Beitrag basiert auf einem Vortrag von Norbert Kozicki (Falken Bildungs- und Freizeitwerk NRW e.V.) - gehalten anlässlich der Trägervollversammlung der ELAGOT-NRW am 9. Dezember 2008 in Dortmund









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