zurück   |   Druckversion12.12.2006 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Konzepte Jugendarbeit

Jugendarbeit ausbauen statt an Ganztagsschule verlegen - von Benedikt Sturzenhecker

Argumente gegen Christian Pfeiffers erneuten Vorstoß zur Auflösung Offener Kinder- und Jugendarbeit

Am 22. November 2006 beschäftigte sich die WDR-Fernsehsendung Sendung „Hart, aber fair“ mit
dem Thema „Vom Ballerspiel zum Amoklauf – was treibt Jugendliche in die Gewalt“. Darin sich
äußerte Prof. Dr. Christian Pfeiffer erneut negativ zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Seine
Position, Jugendarbeit aufzulösen und an die Ganztagschule zu verlegen, soll hier analysiert und ihr
soll widersprochen werden.
Zunächst das Zitat (im Weiteren sind alle Auszüge daraus kursiv gesetzt):
„Unser System ist nicht darauf eingestellt, den Gescheiterten wirklich effektiv zu helfen. Wir sind jetzt
so leistungsfixiert durch PISA – da müssen wir ganz stark werden, da kämpfen alle drum – und wir
erzeugen zu viel Verlierer in unserem Schulsystem. Das kann anders laufen, und dazu braucht man
ganz sicher … kleinere Klassen, mehr Menschen, die darauf beruflich vorbereitet sind: Psychologen,
Sozialarbeiter. Wenn ich eine Vision entwickeln darf: Wir haben soviel Sozialarbeiter, die in
Freizeitheimen und in Jugendzentren arbeiten. Beide Einrichtungen bräuchten wir gar nicht, wenn wir
funktionierende tolle Ganztagsschulen hätten. Und bitte: Alle Sozialarbeiter in diese Ganztagsschulen
rein! Dann hätten wir sie für alle erreichbar und nicht nur für bestimmte Subgruppen, die sich ein
bestimmtes Freizeitheim gepachtet haben und keine anderen mehr reinlassen.“
In einzelnen Schritten wird hier nun diese Aussage hinterfragt.
Der Anfang des Zitates lautet: „Unser System ist nicht darauf eingestellt, den Gescheiterten wirklich
effektiv zu helfen. Wir sind jetzt so leistungsfixiert durch PISA – da müssen wir ganz stark werden, da
kämpfen alle drum - und wir erzeugen zu viel Verlierer in unserem Schulsystem“.
Zwar ist Pfeiffer in seiner Aussage, das Schulsystem erzeuge zu viele Verlierer zuzustimmen, aber
seine Analyse des Scheiterns an Schule ist unpräzise: nicht so sehr die Folgen von PISA erzeugen
das Scheitern, sondern PISA belegte öffentlichkeitswirksam das schon vorhandene Scheitern und
seine Ausmaße. Dieses Scheitern war allerdings in vielen Aspekten schon lange wissenschaftlich
belegt, so besonders die Bildungsbenachteiligung von Kindern aus armen Familien (und mit
Migrationshintergrund). Pfeiffer scheint beim Sprechen zu merken, dass nur „Hilfe“ für die schon
Gescheiterten nicht ausreichen kann, wenn das System selber dieses Scheitern produziert. So kommt
er zu einem Entwurf der Veränderungen des Systems: „Das kann anders laufen, und dazu braucht
man ganz sicher … kleinere Klassen, mehr Menschen, die darauf beruflich vorbereitet sind:
Psychologen, Sozialarbeiter“.
Pfeiffers Vorschlag ist denkbar schlicht: kleine Klassen und mehr helfende Professionelle sind ein
bekanntes Klischee der Schulreform, das durch Wiederholung nicht qualifizierter wird. Interessant ist,
was er nicht sagt: Er spricht nicht von einer grundlegenden Veränderung von Schule, die auch ihre
Kerne, wie die gewollte frühzeitige Selektion der Schüler in so genannte Leistungsstarke und
Leistungsschwache und die Form des Unterrichts angehen müsste. Seiner vollkommen verkürzten
Diagnose ist von Seiten der Schulforschung schon vielfach mit differenzierten Argumenten
widersprochen worden. Diese verweisen darauf, dass sich Schule in ihrem Kern ( wie Selektion und
Unterricht) verändern müsse. Denn wenn im Unterricht Scheitern produziert wird, können noch so
professionelle Helfer dies am Nachmittag kaum wieder ausbügeln.
Nach Pfeiffers Vorstellung sind es jedoch die scheiternden Opfer des Schulsystems, die von
Psychologen und Sozialarbeitern bearbeitet werden sollen. Symptomträger sollen behandelt werden,
statt Ursachen zu ändern. Nicht Scheitern wird verhindert, sondern Gescheiterten wird von
Fachkräften, die darauf „beruflich vorbereitet“ sind, „effektiv“ geholfen. Die unveränderte Schule in den
Ganztag zu verlängern und die Scheiternden am Ort ihres Desasters gleich abzufangen, das ist
Pfeiffers Konzept (und leider nicht nur seins).
Im nächsten Satz folgt Pfeiffers „Vision“, die in ihren einzelnen Elementen analysiert werden muss:
Zunächst behauptet er, wir hätten „so viele (Hervorhebung B. St.) Sozialarbeiter, die in Freizeitheimen
und Jugendzentren arbeiten“.
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Wie viele sind „so viele“? Die Kinder- und Jugendhilfestatistik (vgl. Pothmann/Thole 2006) zeigt, dass
2002 in der Kinder- und Jugendarbeit insgesamt 45.514 Personen auf 31.714 Stellen arbeiteten. Das
sind alle Hauptamtlichen in differenzierten Feldern, so auch in Jugendverbänden,
Jugendbildungsstätten etc. und nicht nur in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, auf die sich Pfeiffer
zu beziehen scheint. In der gesamten Kinder- und Jugendhilfe arbeiteten 2002 übrigens 573.802
Beschäftigte (vgl. Arbeitstelle Kinder- u. Jugendhilfestatistik 2006). Man erkennt, dass der Anteil der
JugendarbeiterInnen daran mit gerade einmal nicht ganz 8 Prozent sehr gering ist.
Wie viele von den rund 45.500 Beschäftigten arbeiten aber in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit?
Für Jugendzentren, Jugendfreizeitheime, Häuser der offenen Tür, Einrichtungen der
Stadtranderholung, pädagogisch betreute Spielplätzen sowie Einrichtungen bzw. Inititativen der
mobilen Jugendarbeit werden über die amtlichen Daten 28.599 Beschäftigte ausgewiesen (vgl.
Statistisches Bundesamt 2004). Von diesen wiederum geben 18.581 an, dass sie im weitesten Sinne
pädagogisch-fachlich in der freizeitbezogenen offenen Jugendarbeit und Jugendpflege tätig sind.
Jenseits der genannten Einrichtungen kommen für diesen Arbeitsbereich noch einmal 2.294 hinzu.
Alles in allem reden wir also von 20.875 Beschäftigten für dieses Segment. Dies entspricht
umgerechnet einem Volumen von 15.177 Vollzeitstellen. Nach diesen Berechnungen sind also etwas
weniger als die Hälfte aller Beschäftigten im gesamten Feld der Jugendarbeit der Offenen Kinder- und
Jugendarbeit zuzuordnen.
Im Schuljahr 2005/2006 gibt es in Deutschland insgesamt 36.888 Schulen (alle Formen) (vgl.
Statistisches Bundesamt 2006) mit 9 505.200 SchülerInnen. Rechnet man – zugegeben sehr
vergröbernd – die Zahl der Stellen von JugendarbeiterInnen der Offenen Arbeit aus, die jede Schule
bekäme, so wären dies 0,41 Stellen pro Schule und jede Stelle hätte – in dieser schlichten Logik
weiter gerechnet – dann 626 SchülerInnen zu bearbeiten.
Zunächst ist festzuhalten, dass sich die unpräzise Behauptung Pfeiffers von „so vielen“ Beschäftigten
weder im Vergleich mit der Schule, noch mit der gesamten Jugendhilfe aufrecht erhalten lässt. Schule
wäre allein quantitativ kaum zu „retten“ durch die Verlegung der Jugendarbeitsstellen dorthin, die
Kinder und Jugendarbeit allerdings wäre zerstört.
Bleiben wir noch bei den Zahlen, denn Pfeiffer behauptet ja weiter unten, dass die „vielen
Sozialarbeiter“ in der Jugendarbeit gar nicht für „alle“ erreichbar seien, weil die „Freizeitheime“ durch
„bestimmte Subgruppen... gepachtet“ würden, also die Fachkräfte nur wenigen Kindern und
Jugendlichen zur Verfügung stünden.
Was wissen wir über Zahlen der Nutzung der Kinder- und Jugendarbeit?
Der 12. Bundesjugendbericht (2005, S. 379) bezieht sich auf Ergebnisse des DJI-Jugendsurvey aus
dem Jahr 2003: „Demnach haben 45 Prozent der 12- bis 15-Jährigen schon einmal ein
Jugendzentrum besucht; unter den 16- bis 21-Jährigen waren dies 58 Prozent“. Das sagt allerdings
nichts über die Dauer und Intensität des Besuchs aus, immer noch könnten ja „Subgruppen“ die
Besucher nach einmaligem Besuch vertrieben haben. „In der Shell-Studie 1997 geben 46 Prozent der
12- bis 25-Jährigen an, in der Freizeit überhaupt einmal ein Jugendzentrum besucht zu haben; als
häufige Besucher bezeichnen sich immerhin 16 Prozent der Befragten.“ (ebd.)
Man könnte, um überhaupt eine Abschätzung von Zahlen zu bekommen, diese 16 Prozent auch heute
noch als Wert häufiger Nutzung betrachten und auf die aktuelle Anzahl aller Kinder und Jugendlichen
im genannten Alter beziehen.
Zum 31.12.2005 lebten in der Bundesrepublik 12.231.494 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen
12 und 25 Jahren (Statistitsches Bundesamt Deutschland 2006). Wenn von diesen 16 Prozent
regelmäßig Offene Kinder und Jugendarbeit nutzen, wären das also ca. 1.957.000 NutzerInnen
insgesamt und pro JugendarbeiterInnen-Stelle wären das nicht ganz 130 NutzerInnen. Vergleicht man
damit dreisterweise die NutzerInnen pro Lehrer/in, kommt man zu folgendem Ergebnis: Im Schuljahr
2005/06 gab es 667.700 LehrerInnen für 9.505.200 SchülerInnen, das wären 14,2 SchülerInnen je
Lehrer/in.
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Zählt man die TeilnehmerInnen an Maßnahmen (also an speziell finanzierten Programmen) der
Kinder- und Jugendarbeit (vgl. Arbeitsstelle Kinder- u. Jugendhilfestatistik 2006) kommt man für alle
Formen der Kinder und Jugendarbeit im Jahre 2004 auf 3.667.431 TeilnehmerInnen.
Zugegeben: diese Rechenspiele sind nicht ganz seriös. Es bleiben viele Unklarheiten und
Ungereimtheiten, zum Beispiel: Darf man die 16 Prozent häufiger NutzerInnen der Jugendarbeit von
1998 auf 2006 übertragen? Darf man einfach Gesamtzahlen der SchülerInnen und Schulen und
LehrerInnen verwenden, ohne zu differenzieren?
Allerdings zeigen diese Zahlen mindestens, dass Pfeiffers Behauptungen falsch sind:
1. Arbeitet die Offene Kinder- und Jugendarbeit im Vergleich zur Schule mit sehr wenig Personal, man
kann also nicht von „so vielen“ Sozialarbeitern sprechen („so wenige“ wäre angemessener);
2. Erreichen diese wenigen Fachkräfte eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen: Man kann also
nicht behaupten, sie seien nur für wenige „Subgruppen“ da.
Der Entwurf Pfeiffers „Vision“ geht weiter: „Beide Einrichtungen bräuchten wir gar nicht, wenn wir
funktionierende tolle Ganztagsschulen hätten.“ Was meint Pfeiffer mit „funktionierende(n), tolle(n)“
Ganztagschulen und wie könnten diese „Qualitäten“ die Offene Kinder- und Jugendarbeit überflüssig
machen?
Zunächst ganz einfach: Eine Schule, die den ganzen Tag dauert, lässt den Kindern und Jugendlichen
kaum noch Zeit, andere Einrichtungen zu besuchen. Aus Pfeiffers Begeisterung für die
Ganztagsschule kann man auch schließen, dass für ihn pädagogische Einrichtungen die Aufgabe
hätten, Kinder und Jugendliche aufzubewahren, ihre Zeit zu füllen und ihren Aufenthaltsort zu
definieren. Andere Angebote würden dann nicht gebraucht.
Im Blick auf Pfeiffers erste Sätze kann weiter gefolgert werden, dass er das Funktionieren von
Ganztagsschulen darin sieht, a) keine „Gescheiterten“ zu erzeugen und b) wenn sie doch entstehen,
ihnen „effektiv zu helfen“. Pfeiffer scheint die Aufgabe der Jugendarbeit genau darin zu sehen: in der
Vermeidung von Schulscheitern und Hilfe für doch Gescheiterte. Denn nur, wenn Jugendarbeit diese
Aufgabe hätte, könnte sie eventuell direkt an den dann „tollen“, funktionierenden Ganztagsschulen
„effektiver“ arbeiten, und sie wäre – nach Pfeiffers Logik – in der derzeitigen Form überflüssig. Pfeiffer
entwirft hier ein – leider nicht neues – Bild von Jugendarbeit als kompensatorischer Einrichtung, die
die negativen Folgen anderer erzieherischer Institutionen abfedern bzw. aufheben soll. Diese Aufgabe
könnte sie demnach auch sofort am Herd der Problemerzeugung, also in der Schule selber erledigen.
Insofern folgert er:
„Und bitte: Alle Sozialarbeiter in diese Ganztagsschulen rein! Dann hätten wir sie für alle erreichbar
und nicht nur für bestimmte Subgruppen, die sich ein bestimmtes Freizeitheim gepachtet haben und
keine anderen mehr reinlassen.
Das „wir“ in diesem Satz scheint die Politiker und Macher wie Pfeiffer zu bezeichnen, denen die
„Sozialarbeiter“ zur Verfügung stehen sollen, um sie funktionalisieren zu können. Sie werden als
Verschiebemasse behandelt und der Gedanke ihrer professionellen Autonomie kommt erst gar nicht
auf. Im Weiteren kombiniert Pfeiffer den kompensatorischen Anspruch mit der Forderung,
Jugendarbeit solle für „alle erreichbar“ sein. Das wäre erfüllt, wenn sie in Schule integriert würde, weil
sich dort alle Kinder und Jugendlichen pflichtgemäß aufhalten (müssen). Es erscheint ein Konzept von
Ganztagsschulen und ihrer Pädagogik, in dem in einer zeitlich und örtlich gebundenen
Rundumbetreuung durch „beruflich vorbereitete“ SpezialistInnen („Psychologen, Sozialarbeiter“)
Scheitern verhindert oder zumindest abgefangen würde. Nun will man sich gewiss der Idee nicht
widersetzen, dass Schulscheitern verhindert werden sollte; Pfeiffers Konzept dafür ist jedoch denkbar
schlicht. Nach seiner Logik verhindert Schule Scheitern, wenn sie a) den ganzen Tag dauert und b)
dort Spezialisten zur Scheiterungsverhinderung und -bearbeitung für alle erreichbar sind bzw. alle
erreichen können. Pfeiffers Konzept ist somit kein pädagogisches, sonder eher ein politisches, denn
eine fachlich qualifizierte Analyse der Probleme, Strukturen und Strategien von Schule wird nicht zu
Grunde gelegt, sondern es wird ein politisches Konzept vertreten. Er zeigt den verschreckten
Erwachsenen, wie man die beängstigende Jugend in den Griff bekommt, statt sich ihrer Probleme
anzunehmen. Mehr als ein In-den-Griff-bekommen, als eine Ausweitung von Pflichtbetreuung lässt
sich nicht erkennen. Das Problem scheint bei den Jugendlichen zu liegen, man muss sie mehr und
länger (ganztags!) betreuen. Pfeiffer entwirft in seiner „Vision“ des Umgangs mit Jugend pädagogische
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Anstalten, die an freundliche Freigangsknäste erinnern. Er profiliert sich hier außerdem als Jugendund
Schulpolitiker der anscheinend Rettungsversprechen ohne finanzielle Kosten entwerfen kann.
Eine differenzierte Verbesserung von Schule hingegen, die ja auch mit einer Qualifizierung der
LehrerInnen einhergehen müsste, wäre teuer.
Kommen wir zurück zur Kinder- und Jugendarbeit. Diese hat allerdings eine ganz andere Aufgabe als
die, die Pfeiffer ihr zuweist (vgl. u.a. Sturzenhecker 2004). Ihre Ziele sind die Förderung der
Entwicklung von Kindern und Jugendlichen als Subjekte (als eigenverantwortliche, selbstbestimmte
Persönlichkeiten) und als (gemeinschaftsfähige und gesellschaftlich mitverantwortliche) BürgerInnen
einer demokratischen Gesellschaft. In diesen Zielen sind sich die gesetzlichen Vorgaben des SGB VIII
(§ 1 und § 11) und die Traditionslinien sozialpädagogischer Theorie der Jugendarbeit einig.
Jugendarbeit hat eine Vision: sie ist Bildung „in Freiheit zur Freiheit“, so Kentler im Klassiker der
Jugendarbeitstheorie „Was ist Jugendarbeit?“ von 1964.
Diese Aufgabe von Jugendarbeit kennt der Kriminologe und Politiker Pfeiffer nicht und sie interessiert
ihn auch gar nicht. Er möchte Kinder- und Jugendarbeit funktionalisieren für seinen Entwurf einer
schulischen Ganztagsbetreuung, deren inhaltliche Ziele unbestimmt bleiben und die sich einzig
negativ auf Verhindern und Bewältigen von Scheitern richten, ohne positive Ziele anzugeben. Dieses
Denken entspricht (s)einer kriminologisch-präventiven Grundhaltung, die Entwicklung als Ausweitung
von Risikopotentialen definiert, denen dann vorgebeugt werden soll. Die sozialpädagogische Kinderund
Jugendarbeit hingegen versteht Entwicklung als Ausweitung positiver Potentiale von
Subjekthaftigkeit, Sozialität und demokratischer Kompetenz. Gerade das Üben von Demokratie ist in
der Kinder- und Jugendarbeit möglich, als einem der sehr wenigen Orte, an dem Kinder und
Jugendliche dies überhaupt tun können, denn weder Schule, noch Konsumbereich, Wirtschaft oder
Kommune sind Felder, in denen demokratische Erfahrungen gemacht werden können. Eine
Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung (Fatke/Schneider 2005) zeigt, dass Kinder und Jugendliche
selber Jugendarbeit (und Familie) als Bereich schätzen, in dem sie ernsthaft partizipieren können (im
Gegenteil zu Kommune und Schule). Angesichts der Krise der Demokratie bei einem großen Teil der
Bevölkerung wird dieses Potential der Jugendarbeit immer wichtiger.
Bereits an anderer Stelle (TAZ vom 20.1.2006) hat Pfeiffer der Kinder- und Jugendarbeit mangelnde
Wirkung vorgeworfen. Dem haben damals weit über 1.000 Fachkräfte und WissenschaftlerInnen in
einem Offenen Brief (der übrigens bis heute unbeantwortet blieb) widersprochen (vgl. www.abafachverband.
org/index.php?id=450). Auch hier zeigte sich Pfeiffers Unkenntnis: Es liegen eine ganze
Reihe aktueller Wirkungsstudien zur Kinder- und Jugendarbeit vor (u.a. Delmas/Scherr 2005; Müller
u.a. 2005, Fauser u.a. 2006, Lindner 2007; siehe auch eine ausführliche Literaturliste solcher
Wirksamkeitsbelege auf der website des Autors), die eindrucksvoll zeigen, dass Kinder- und
Jugendarbeit nachweislich in der Lage ist, ihre Ziele zu erreichen; wohlgemerkt ihre Ziele, nicht die
Ziele Pfeiffers.
Nimmt man die Ergebnisse dieser Forschungen mit den oben referierten Zahlen zusammen, kann
man zeigen: Kinder- und Jugendarbeit ist eine ausgesprochen erfolgreiche Institution: Sie erreicht mit
sehr wenigen Fachkräften eine sehr große Zahl von freiwillig und motiviert teilnehmenden Kindern und
Jugendlichen und fördert die Entwicklung von eigenverantwortlicher Persönlichkeit und
Demokratiekompetenz.
Damit ist Jugendarbeit um vieles erfolgreicher als Schule, die mit viel Personal ihre Aufgaben nur
schlecht erfüllt (s. PISA). Es wäre doch schlicht gesagt „bescheuert“, eine so effektive Institution wie
die Kinder- und Jugendarbeit aufzulösen und sie einer scheiternden Schule zu unterstellen. Die
gegenteilige Forderung drängt sich auf: Eigenständige Kinder- und Jugendarbeit muss ausgebaut
werden!
Literatur
ABA Fachverband: Die „Affäre Pfeifer“: Ein Disput im Jahr 2006“ (www.abafachverband.
org/index.php?id=450), 2006
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik: Grundzahlen; http://www.akjstat.unidortmund.
de/projekte/output.php?projekt=21&Jump1=LINKS&Jump2=2 am 2.12.2006
5
Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (Hrsg.): Bericht über die
Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der
Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland – Zwölfter Kinder- und Jugendbericht –
Bildung, Betreuung und Erziehung vor und neben der Schule. Berlin 2005
Delmas, N./Scherr, A. (2005): Bildungspotenziale der Jugendarbeit. Ergebnisse einer explorativen
empirischen Studie. In: Deutsche Jugend, 53. Jg., Heft 3, S. 105-109
Fatke, R./Schneider, H.: Kinder- und Jugendpartizipation in Deutschland. Daten, Fakten,
Perspektiven, Gütersloh 2005
Fauser, K./Fischer, A./Münchmeier, R.: Jugendliche als Akteure im Verband
Ergebnisse einer empirischen Untersuchung der Evangelischen Jugend (Teil1). Opladen 2006
Lindner, W. (Hrsg.): Kinder- und Jugendarbeit wirkt. Ein Überblick zu aktuellen und relevanten
Evaluationsergebnissen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen der Kinder- und Jugendarbeit.
(Arbeitstitel) Vs Verlag Wiesbaden 2007 (i.E.)
Müller, C.W./Kentler, H./Mollenhauer, K./Giesecke, H.: Was ist Jugendarbeit? Vier Versuche zu einer
Theorie. München 1964
Müller, B./ Schmidt, S./ Schulz, M. (2005): Wahrnehmen können. Jugendarbeit und informelle
Bildung. Freiburg i. Br.
Pothmann, J./ Thole, W.: Trendbrüche – Kahlschlag oder geordneter Rückzug? Entwicklungen in der
Kinder- und Jugendarbeit, in: Arbeiststelle Kinder- und
Jugendhilfestatistik.http://129.217.205.15/projekte/output.php?projekt=30&Jump1=RECHTS&Jump2=
2 am 2.12.200606
Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Einrichtungen und tätige Personen
- sonstige Einrichtungen – (ohne Tageseinrichtungen für Kinder). Revidierte Ergebnisse, Bonn 2004.
Statistisches Bundesamt Deutschland: Bildung, Wissenschaft und Kultur: Allgemeinbildende Schulen;
http://www.destatis.de/basis/d/biwiku/schultab1.php am 1.12.06
Statistisches Bundesamt Deutschland: Genesis-Online – Das statistische Informationssystem;,
https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/logon am 2.12.06
Sturzenhecker, B.: Zum Bildungsanspruch von Jugendarbeit. In: Otto, H.-U./Rauschenbach, Th.
(Hrsg.): Die andere Seite der Bildung. Zum Verhältnis von formellen und informellen
Bildungsprozessen Wiesbaden 2004, S. 147-165
Thole, W./Pothmann, J.: Die MitarbeiterInnen. In: Deinet,U./Sturzenhecketr, B.: Handbuch Offenen
Kinder und Jugendarbeit. 3. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage . Wiesbaden 2005, S. 19-37
Ich danke Jens Pothmann für die Unterstützung meiner Berechnungen.
8. Dezember 2006
Professor Dr. Benedikt Sturzenhecker arbeitet an der Fachhochschule Kiel.

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