zurück   |   Druckversion23.01.2006 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Konzepte Jugendarbeit

Offener Brief an den Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Herrn Prof. Pfeiffer

Ihr Interview in der taz-nrw vom 20. Januar 2006


Sehr geehrter Herr Professor Dr.Pfeiffer,

mit Entsetzen habe ich am vergangenen Freitag die Veröffentlichung Ihres Interviews in der taz-nrw unter der Überschrift "Die Jugendarbeit hat nicht sich bewährt" gelesen.

Mit Ihren Äußerungen dokumentieren Sie deutlich, dass Sie über die Situation der Jugendpolitik im Land Nordrhein-Westfalen nicht informiert sind. Ebenso wenig scheinen Sie über detailliertere Informationen über die pädagogische Arbeit in Jugendzentren zu verfügen. Ihr Bild von "klapprigen Tischtennisplatten und einem gelangweilten Sozialarbeiter" diskriminiert die Arbeit der übergroßen Mehrheit der "öffentlichen Mütter und Väter" in den Kinder- und Jugendhäusern.

Bisher schätzte ich Sie als einen "Mann der Empirie", als jemanden, der weiß, wovon er spricht und worüber er spricht. Diesem Anspruch sind Sie mit diesem Interview leider nicht gerecht geworden.

Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass sich in Situationen der Entstehung von politischer Gegenwehr gegen finanzielle Kürzungen und gegen Sozialabbau "die Wissenschaft" zu Wort meldet und sich der herrschenden Politik andient, im Interesse der eigenen existientiellen Absicherung. Vielleicht werden wir es demnächst erleben, dass wir Sie als Forscher im Interesse der amtierenden Landesregierung von NRW erleben.

Im Weiteren überreiche ich Ihnen eine aktuelle Recherche zum Thema "Abmilderung der Folgen von Kinderarmut im Bereich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit". Dieser Beitrag ist der Dokumentation der Fachkonferenz des Deutschen Kinderschutzbundes vom 27. September 2005 in Bochum entnommen.

Im Rahmen dieses Beitrags habe ich mehrere empirisch nachweisbare "präventive" Wirkungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit darstellt. Das Wörtchen "präventiv" setze ich bewusst in Anführungsstriche, weil sie "normale" förderliche Wirkungen dieses Handlungsfeldes sind.

Im Einzelnen sind feststellbar: die Stammbesucher von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit erhalten fast alle ihren Hauptschulabschluss, auch die Migrantenjugendlichen, von denen im statistischen Durchschnitt in NRW im Schuljahr 22003/04 22,7% keinen Hauptschulschluss erreichten. Auch der Effekt der Verhinderung von Schulformwechsel zur Sonderschule sind nachweisbar.

Angesichts solcher Tatsachen, vom "Fehlen konkreter Konzepte" und vom "Nichterreichen der Zielgruppen" zu sprechen, erscheint schon fast bösartig.

Angesichts meiner knappen Zeit vor dem Hintergrund der Durchführung einer neuen Volksinitiative der nordrhein-westfälischen Kinder- und Jugendarbeit, erlaube ich mir, auf den weiter unten folgenden Text zu verweisen.

In der vorletzten Antwort Ihres Interviews sprechen Sie davon, dass man den Kindern "Angebote" machen muss, um sie vom Fernseher und vom Computer wegzubewegen. Warum Sie die pädagogische Kinder- und Jugendarbeit draußen vor lassen, bleibt Ihr Geheimnis.

Nur noch ein konkreter Hinweis für den empirischen Sozialforscher: die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit werden nicht flächendeckend und bedarfsorientiert in NRW organisiert, soll heißen, die Bedarfe in diesem Bereich sind sehr groß, aber vor dem Hintergrund der aktuellen Steuerpolitik nicht finanzierbar. Ihrer Bemerkung "Das ist doch eine absurde, kranke Welt" kann ich nur zustimmen.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert Kozicki
(Sozialwissenschaftler, Referent für Jugendpolitik)


Präsentation von Projekten zur Abmilderung der Folgen von Kinderarmut im Bereich der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Von Norbert Kozicki


Positive Wirkungen in der Förderung von Kindern und Jugendlichen und besonders von armen Kindern und Jugendlichen sind immer und überall dort beobachtbar, wo Erwachsene – gleichgültig in welcher Rolle – förderliche Haltungen zeigen und dementsprechend handeln. Wir alle sind uns einig, dass pädagogisch-förderliches Handeln die sozialstrukturellen gesellschaftlich bedingten Probleme nicht lösen kann. Dafür benötigen wir eine andere Politik, als die neoliberale Politik. Pädagogisch-förderliches Handeln kann aber für den Einzelnen neue, wenn auch begrenzte, Handlungsoptionen eröffnen, die er sonst nie erfahren hätte.

Der bekannte Philosoph Peter Sloterdijk hat einmal ein „Emissionsschutzgesetz“ für Lehrerpessimismus und Lehrerdemütigungen gefordert. Durch die Botschaften der Erniedrigung würden einige Lehrer zu einer „Klimaschädigung erster Größenordnung“ beitragen. Sloterdijk kritisierte das Gros der Schulen in Deutschland als eine Art „Impfprogramm, bei dem Kränkungen verabreicht werden“. Mit dem Abschluss nach der 13. Klasse verließen die Schüler „die Schule nach 13 Jahren wie Landsknechte eine aufgelöste Armee“.

Würde in Einrichtungen der Jugendarbeit die Atmosphäre des Pessimismus und des Infragestellens vorherrschen, müssten diese Orte des Miteinanders von Kindern und Pädagoginnen und Pädagogen sofort geschlossen werden.

Eine förderliche Haltung in pädagogischen Situationen lässt sich dadurch beschreiben, dass die Selbstachtung von Kindern und Jugendlichen vorrangig gefördert wird. Das machen wir, in dem wir herabsetzende Äußerungen vermeiden, die Wichtigkeit jeder einzelnen Person verdeutlichen und versuchen Situationen zu vermeiden, die diese Selbstachtung beeinträchtigen könnten.

Weitere Gesichtspunkte dieser förderlichen pädagogischen Haltung sind die Verhaltensdimensionen der Achtung, Wärme und Rücksichtnahme.



Das bedeutet für den alltäglichen Umgang mit allen Kindern und Jugendlichen in den Jugendeinrichtungen:



Wir wertschätzen den anderen, nehmen an ihm teil,

wir schenken dem anderen Geltung, erkennen ihn an, heißen ihn willkommen,

sind ihm zugeneigt,

wir sind rücksichtsvoll, zärtlich, behandeln ihn liebevoll,

wir ermutigen ihn, behandeln ihn wohlwollend,

wir vertrauen ihm,

wir halten zu ihm, stehen ihm bei, beschützen ihn, umsorgen ihn, helfen ihm,

trösten ihn,

wir öffnen uns ihm gegenüber,

wir sind ihm nahe.



Wir verstärken diese Verhaltensweisen und Haltungen durch die Umsetzung von methodisch strukturierten pädagogischen Situationen.

Wichtige Vorbemerkung: es gibt in den Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit keine ausgewiesenen Extraangebote für „arme Kinder“, nach dem Motto: „arme Kinder links, nicht-arme Kinder rechts“.





Praxisbeispiel 1:

In einem Haus der Offenen Tür (OT) gibt es ein Kooperationsprojekt mit der Grundschule. Insgesamt 28 Kinder besuchen nach der Schule die Einrichtung. Die sozialpädagogische Fachkraft berichtet, dass 60% dieser Kinder als arm zu bezeichnen seien. Nur ein Kind empfange Sozialhilfe. Alle anderen Kinder haben Eltern oder Väter bzw. Mütter, die eindeutig im Niedriglohnsektor arbeiten, z.B. eine Mutter mit einem Stundenlohn von 4,60 Euro.

Der „Betreuungsplatz“ kostet monatlich 35 Euro mit der Möglichkeit zur Ratenzahlung. Die Kollegin berichtet aktuell, dass die Außenstände noch nie so hoch waren, wie heute.

Die Förderung in schulischen Angelegenheiten wird dort mit freizeitpädagogischen Ansätzen kombiniert. Dieser Handlungsansatz ermöglicht kompensatorische Effekte, wenn das Thema Schule/Bildung vom Kind negativ besetzt ist.



Eine Besonderheit ist die Förderung der Grundschulkinder durch freiwillig-ehrenamtlich tätige junge Erwachsene im Alter von 18 bis 22 Jahren. Sie übernehmen bestimmte Aufgaben wir z.B. die Leseförderung und die Gestaltung des Freizeitbereichs (z.B. die Tanzgruppe). Daher erleben die Kinder die „Förderpersonen“ in unterschiedlichen Rollen.

Das Prinzip, das hier realisiert wird, ist auch ein erfolgreiches der gelingenden Schulen, auch „Treibhäuser der Zukunft“ genannt: der Jugendliche als zweiter Pädagoge. Dieses Prinzip ist auch in der Jugendarbeit verbreitet, wie wir an einem anderen Projekt sehen werden.

Das Miteinander von deutschen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund gestaltet sich problemlos. Momente national motivierter Abgrenzung sind nicht feststellbar. Das heißt, die „Verschiedenartigkeit“ im Miteinander der Kinder entwickelt sich positiv. Aufgrund wissenschaftlicher Ergebnisse, z.B. in der Bielefelder Laborschule, kann man vermuten, dass das der Entwicklung des kindlichen Selbstbewusstseins sehr förderlich ist.

Die Kollegin, die dort arbeitet, spricht in diesem Zusammenhang davon, dass dieses erfolgreiche Kooperationsprojekt „alle Menschen offener und zufriedener“ machen würde. Wenn man berücksichtigt, dass Armut isoliert, weil in dieser Gesellschaft fast alle sozialen Kontakte mit Kosten verbunden sind, ist das schon ein bedeutende Wirkung.



Umgangssprachlich heißt das Falkenhaus am Tackenberg auf türkisch „Schule um 3“: Ücdeki Okul, was zum Ausdruck bringt, dass man dort etwas lernt.

Auf die praktischen Erfolge der Arbeit angesprochen, reagierte die Kollegin sehr selbstbewusst und konstatierte, dass alle beteiligten Fachkräfte in der Einrichtung den größten Erfolg darin sehen, dass Sonderschulüberweisungen nachweislich verhindert wurden. Weiterhin berichtete die Kollegin, dass alle Jugendlichen, die über einen längeren Zeitraum die Ücdeki Okul besuchen, einen Schulabschluss erreichen, der besser als der normale Hauptschulabschluss ist.

Abschließend berichtete die Kollegin von einer ehemaligen freiwillig tätigen jungen Frau aus der OT mit türkischem Migrationshintergrund. Diese junge Frau, Mutter von drei Kindern im Alter von 5, 8 und 10 Jahren, entwickelte in zahlreichen persönlichen Gesprächen mit den Fachkräften die Vorstellungskraft, dass die Planung eines Studiums möglich sei. Heute studiert sie Sonderpädagogik.





Praxisbeispiel 2:

Duisburg-Beeck, Sozialer Brennpunkt. Direkt hinter der König-Pils-Brauerei liegt das Flüchtlingsheim und an der Ecke eine größere Wohnung, die zum Kinder- und Jugendtreffpunkt umgestaltet wurde. Ein Multi-Kulti-Stadtteil.

Der hauptamtliche Kollege von der stadtteilorientierten Kinder- und Jugendarbeit in Beeck berichtet, dass es den Kindern hier an elementaren Dinge fehle. Und am Besten sei die Förderung, die nicht sofort bemerkt werde. Wie zum Beispiel das Üben von Mathematik beim Kochen. Denn bei der Umsetzung der Kochrezepte müssen die Mengen täglich neu berechnet werden. Auch beim Dartspielen können mathematische Fertigkeiten trainiert werden, daher hängt konsequenterweise auch keine elektronische Dartscheibe an der Wand, sondern die Spieler müssen ihre Punkte im Kopf zusammen zählen.



Im Bereich der LOS-Projekte (Lokales Kapital für soziale Zwecke) werden folgende Projekte durchgeführt: Bewerbungstraining, Mädchenprojekte, Projekte für Schulabbrecher und schulmüde Jugendliche.

Ein weiteres Projekt heißt: „Ich kenne es und will es wissen“. Dort steht das Erlernen von handwerklichen Fähigkeiten im Vordergrund, die Entwicklung von Gruppenfähigkeiten und die Entwicklung der eigenen Lebenskompetenz.

Dieser Projektansatz ist gerade für Kinder und Jugendliche aus armen Familien von großer Wichtigkeit, weil nur die Information handlungsrelevant werden kann, die zum Thema gemacht wird und eine Bedeutung bekommt.

Beispiel Christian: im Rahmen der Suche nach einer Ausbildungsstelle äußerte der junge Mann immer wieder Zweifel an seinem Tun. Ihm fehlten aufgrund seiner Lebenserfahrung das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, sich vorzustellen, dass er erfolgreich handeln könne. Das wurde in der Einrichtung zum Thema gemacht, und zwar erfolgreich: Christian bekam eine Lehrstelle. Und wieder „nur“ eine individuelle Lösung, die sich aber im Stadtteil herumgesprochen und so die Akzeptanz der gesamten Einrichtung positiv verstärkt hat.



Im Beecker Kinder- und Jugendtreffpunkt gibt es eine Tradition des multikulturellen Umgangs, „wie früher in den Arbeiterkolonien“, erzählt der Kollege, der hier als hauptamtliche Fachkraft arbeitet. Für ihn ist es wichtig, ein Stück sozialer Kontrolle wiederherzustellen, und zwar im folgenden Sinne:

Aus den Untersuchungen zum Thema „Schulmüde“ wissen wir, dass über 50% der Jugendlichen äußern, ihre Eltern hätten sich noch nie für ihre schulischen Belange interessiert. Der Kollege motiviert die Eltern dazu, Druck auf die Kinder ausüben, damit sie zur Schule gehen. Eltern und Kinder lernen, Schule und Bildung ernst zu nehmen.

Das ist eine zentrale Aufgabe von Jugendarbeit in Kooperation mit Schule, nämlich die Wichtigkeit der Bildung zu betonen. Diese Entwicklung von „sozialer Kontrolle“ gelingt dort im Stadtteil, weil dieser Forderungsprozess auf der Basis der notwendigen Wertschätzung und Anteilnahme – wie gerade ausgeführt – erfolgreich gestaltet werden kann.

Auch in Beeck zwischen Flüchtlingsheim, Brauerei und Friedhof wird das Prinzip „Jugendliche machen Jugendliche schlau“ umgesetzt und zwar in der Computerbude und im Bereich der Kulturpädagogik.

Ein weiteres Strukturprinzip, das der Kollege herausstellt, ist die Altersmischung: in Beeck wird nicht getrennt, nachmittags die Kinder, abends die Jugendlichen. Dort gehört die altersgemischte Besuchergruppe zum pädagogischen Prinzip: die Älteren vermitteln den Jüngeren ihre Fähigkeiten, z.B. in einer sehr erfolgreichen, überregional bekannten Tanzgruppe. Der Kollege betont: „Die Begeisterung der Älteren steckt die Jüngeren an.“





Praxisbeispiel 3:

In Bochum-City kooperiert ein Falkenhaus seit über 10 Jahren mit der gegenüberliegenden Realschule. Die Kinder für das Koop-Projekt werden von den LehrerInnen empfohlen, bei Auffälligkeiten und bei Problemen in der Familie. Im Projekt sind 40% Migrantenkinder, der Anteil der Alleinerziehenden liegt bei ca. 40%, wobei die übergroße Mehrheit Arbeit hat. Sollten Eltern den Beitrag von mittlerweile 70 Euro monatlich (inkl. Essen) nicht zahlen können, übernimmt die Schule den Beitrag. Die Betreuungszeiten enden gegen 18.00 Uhr.

Ab 13.00 Uhr kommen die Kinder ins Haus-der-Offenen-Tür: Auf dem Plan stehen Mittagessen, Hausgaben, Projekte und die Teilnahme an den freizeitpädagogischen Angeboten. Die befragte Fachkraft betont, dass die Kinder sehr lange mit den Hausaufgaben zu tun haben.



Die Kinder zeigen schnell eine gute Entwicklung: Deutlich gehen die Verhaltensauffälligkeiten zurück, z.B. bei einem neuen Schüler, der zu Wutausbrüchen neigte. Die Teilnahme an einem Selbstverteidigungskurs und die Entwicklung von Selbstbewusstsein steht dann im Vordergrund der förderlichen Prozesse. Neben der individuellen Stärkung steht die Entwicklung von sozialem Lernen im Vordergrund.

Aufgrund der langen Laufzeit des Projektes ist die gegenseitige Akzeptanz der beteiligten Professionen, Lehrer und Sozialpädagogen, gut. Besonders die sozialpädagogische Fachkraft spricht davon, dass die Akzeptanz von Seiten der LehrerInnen gewachsen sei. Früher hieß es noch, „Sie spielen ja nur mit den Kindern….“.



Alle Schüler aus dem Koop-Projekt verfügen über die Handy-Nummer der Fachkraft, sodass sie auch am Wochenende bei familiären Problemen erreichbar ist. Beispiel: Eine Mutter lässt ihre elfjährige Tochter am Wochenende allein zuhause und fährt mit ihrem neuen Freund in den Wochenendurlaub, die Nachbarn und Großeltern sind für das Kind nicht erreichbar.

In diesem Kontext berichtet die Fachkraft, dass es zwei Arten von Eltern gäbe:

1) Wenn ein Kind komme, verändert sich das Alltagsleben der Eltern.

2) Wenn ein Kind komme, verändert sich das Alltagsleben der Eltern nicht.



Die Gruppe der Eltern, die ihr Leben verändern, wird scheinbar immer kleiner.

Besonders bemerkenswert sei das Desinteresse von Eltern bei schulischen Problemen. Da die offene Kinder- und Jugendarbeit diesen Zustand verändert, kann hier wiederum von einem positiven Effekt gesprochen werden, und das bedeutet Prävention für alle Kinder und Jugendlichen im Projekt.

Weiterhin fehlen in der Familie oft die Regeln für das Zusammenleben.

Ein Instrument, die Förderprozesse zu steuern, sind regelmäßige Elterngespräche.

„Die Eltern kennen mich“, sagt die pädagogische Fachkraft. Auch deswegen gelingt Integration und Förderung.





Praxisbeispiel 4:

In Gelsenkirchen kooperiert das Jugendhaus mit insgesamt 4 Schulen: Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschule. Die Grundschule hat sich zur OGS weiterentwickelt, der außerunterrichtliche Teil läuft im Haus der offenen Tür ab. Insgesamt gehen 75 Kinder dorthin, davon sind 19 Muslime.

Besonderer Wert wird auf die Elternarbeit und regelmäßige Elterngespräche gelegt. Eltern bitten selbst um Rat und Hilfe, weil ihnen die Ressourcen fehlen, um ihre Kinder zu fördern.

Aus diesem Grund steht ein konzeptionelles Ziel ganz oben auf der Agenda: Stärkung der Elternkompetenz.

Die sozialpädagogische Fachkraft kann als Urgestein der Pädagogik bezeichnet werden, die das dialektische Prinzip von Fördern und Grenzen setzen realisieren kann. Auch das geschieht immer wieder auf der Basis von Wertschätzung, entsprechend den förderlichen Prinzipien. Ich glaube, man/frau kann es nicht häufig genug betonen.

Die förderliche Atmosphäre ermöglicht es den Eltern, zu ihren „Schwächen“ zu stehen. Und damit eröffnet sich die Chance für weitere Entwicklungsprozesse im positiven Sinn.



Zu den regelmäßigen Angeboten des stadtteilorientierten Programms der Einrichtung gehört z.B. das Straßenfest, das im „Dorf“ unweit der Schalke Arena eine große Bedeutung hat. Viele Eltern packen dabei tatkräftig mit an, sie engagieren sich für sich selbst und für andere.

Wenn sie Wochen später, meistens im Spätherbst, zur Dankeschön-Fete eingeladen werden, sind sie freudig überrascht.

Die befragte Fachkraft bringt für sich die Dinge so auf den Punkt: „Wenn es den Eltern nicht gut geht, geht es auch den Kindern nicht gut.“ Die empirische Sozialforschung bestätigt diese Berufserfahrung der Sozialpädagogin und wieder einmal bestätigt sich, dass eine gute Pädagogik auch ohne wissenschaftlichen Erklärungszusammenhang funktionieren kann.



Eltern, die neu in die Einrichtung kommen, haben oft wenig für sich, sagt die Kollegin. Sie haben wenig Interesse an sozialen Kontakten, können aber über die Methode des aktiven Zuhörens erreicht werden.

Wichtig dabei ist: Eltern sollten nicht nur wegen negativer Dinge kontaktiert werden, sondern gerade aufgrund von positiven Ereignissen. Das gilt insbesondere für die Eltern, die sich in der Abwärtsspirale der Armut bewegen. Das verändert die Atmosphäre enorm und schafft eine Vertrauensbasis zur weiteren Stärkung der kommunikativen Beziehung zu den Eltern.



Auch die Öffnungszeit der Einrichtung spielt eine Rolle: 7.30 bis 20.00 Uhr. Die Fachkräfte sind fast den ganzen Tag erreichbar – auch eine Art der Wertschätzung. Hinzu kommt, dass der ASD regelmäßig einmal pro Woche Sprechstunden in der OT abhält. Weiterhin gibt es einen intensiven Kontakt zur Kinderpsychiatrie. Das medizinische Fachpersonal kommt zu regelmäßigen Informationsveranstaltungen in die OT zur Elternfortbildung.



Im Alltagshandeln werden die Fachkräfte mit sehr praktischen Problemen konfrontiert, z.B. wie bekomme ich abends mein Kind ruhig. Dann vermitteln die Fachkräfte praktische Tipps: Geschichten vorlesen und abends noch eine Stunde über die Halde laufen. Und die Eltern setzen diese praktischen Tipps häufig um.



Eine Grunderfahrung gilt es noch zu berichten: die Fachkräfte haben den Eindruck, dass sich viele Eltern aus „einfacheren Familien“ eher an die Sozialpädagogen als an die LehrerInnen wenden.

Es gibt auch Eltern, die bereits selbst als Kinder das Haus der offenen Tür besucht haben. Man lernt also, sich öffentlich Unterstützung zu holen. Man lernt, Hilfe von außen in die Familie hinein zu holen. Eine gute Voraussetzung um die Belastungsfaktoren der Armut auszugleichen.

Interview von Pfeiffer unter folgender
URL: www.taz.de/pt/2006/01/20/a0020.1/textdruck

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