zurück   |   Druckversion16.03.2008 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Jugendstudien

Hauen und Stechen in der Chancengesellschaft

Soviel Druck war nie...

Soviel Druck war nie: Eine neue Studie belegt, welchen Zwängen und Anforderungen Eltern unterliegen, die ihren Kindern im gnadenlosen Wettbewerb die besten Chancen ermöglichen wollen. Ein Kampf, der die Gesellschaft vor die Zerreißprobe stellt.

Chancengesellschaft - das ist der programmatische Schlüsselbegriff nahezu aller Parteien in Deutschland, gewissermaßen von links bis rechts. Und als Türöffner schlechthin einer solchen Gesellschaft gilt die Bildung. Vor fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der Agenda-Wende, hatten die Sozialdemokraten unter dem damaligen Generalsekretär Olaf Scholz gar einige Monate lang erwogen, die Zielperspektive der "sozialen Gerechtigkeit" fallen zu lassen, auch Abschied von der traditionellen Sozial- wie Umverteilungspolitik zu nehmen. Denn die beste Sozial- und Gerechtigkeitspolitik sei diejenige, die über frühe und offene Bildungswege Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe bereitstelle.

Schüler: Immer mehr Eltern gehen ans finanzielle Limit, um ihrem Nachwuchs Chancen zu ermöglichen
Damals - und nicht erst unter Kurt Beck, wie erstaunlicherweise gerne unterstellt wird - sank die SPD ins Bodenlose. Wer immer auf Parteiversammlungen das neue Projekt der Chancen- und Bildungsgesellschaft verkündete - und damit zugleich Abstriche an Sozialleistungen zu legitimieren versuchte - erntete eisiges Schweigen. Und als zündende Slogans für Wahlkämpfe tauchten die Teilhabe-, Chancen-, Bildungspostulate auch nicht. Die Wahlkampfniederlagen der SPD waren historisch beispiellos.

Das verwirrt bis heute noch viele Interpreten des politischen Geschehens. Schließlich ist der Bildungsimperativ einleuchtend, sind die Aussichten auf gleiche Chancen mustergültig demokratisch. Und dennoch mobilisierte es nicht das bildungsbenachteiligte untere Fünftel der Gesellschaft. Dort verband und verbindet sich mit "Bildung" nicht Hoffnung, sondern die Erinnerung an Demütigung, Versagen, Scheitern - letztlich die Alltagserfahrung des Abgehängtseins gegenüber denen, die leichter lesen, besser rechnen, problemlos fremde Sprachen lernen konnten.

Eltern in der Druck- und Konkurrenzsituation

Doch auch die neue Kernklientel der Sozialdemokratie und die klassische Anhängerschaft der CDU, die sozialen Aufsteiger in der neuen Mitte hier, ältere Mittelständler wie traditionelle Eliten dort, legten sich keineswegs für das Modell einer neuen Chancen- und Teilhabegesellschaft aktiv ins Zeug. Auch das irritierte nicht wenige Beobachter, die darauf verwiesen, dass doch zumindest die sozialdemokratischen Aktivisten Initiatoren und Gewinner der ersten Bildungsreform während der 1960/70 Jahre waren.

Doch gerade weil etliche sozialdemokratische Menschen seinerzeit den Aufstieg aus der Proletarität schafften, gerade darum hatten sie nun - ganz wie schon in früheren Jahrzehnten die etablierten Mittel- und Oberschichten - kein Interesse an weiteren Emanzipationsschüben von unten, da das für sie zusätzliche Konkurrenz, auch die Entwertung der eigenen, mühselig erworbenen Bildungsabschlüsse und Statusposition bedeuten musste. Soziologen pflegen einen solchen Vorgang als "soziale Schließung" zu bezeichnen.

Wie sehr die Höherwertung von Chancen durch Bildung nicht zu einer sozialen oder solidarischen Gesellschaft, sondern zu einer zunehmend tribalistischen Gesellschaft sich scharf abgrenzender Schichten und Lebenskreise führen mag, das zeigt auf fast bedrückender Weise eine neue Studie des Heidelberger Sinus-Instituts in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung über Lebensbedingungen und Einstellungen von Eltern in der bundesdeutschen Gegenwart.

Kein Begriff taucht im abschließenden Forschungsbericht häufiger auf als der des "Drucks". Eltern in Deutschland des Jahres 2008 fühlen sich vielfältig unter Druck gesetzt. Und ein entscheidender Grund dafür ist, dass Bildungszertifikate die Chancen für die Zukunft ihrer Kinder fixieren. Und in dieser Druck- wie Konkurrenzsituation grenzen sich die verschiedenen Elternmilieus schroff voneinander ab, verhindern auch, dass ihre Kinder mit dem Nachwuchs der jeweils unter ihnen verorteten Schichten in Kontakt geraten.

Das klassische Bildungsbürgertum achtet neuerdings mehr als in den vergangenen drei Jahrzehnten darauf, dass ihre Sprösslinge nicht mit den "Parvenüs" aus dem Mittelstand ihre Freizeit verbringen. Und die kleinbürgerliche Mitte unterbindet entschlossen Begegnungen mit Familien aus der "Underclass". Denn dort wittert sie kulturelle Verwahrlosung, haltlosen Konsumismus, unheilstiftende Disziplinlosigkeiten.

Die Note wird zum Seismograph für Tüchtigkeit und Erfolg

Die soziale Mitte in Deutschland ist geradezu in Panik, dass sie für ihre Kinder lebensentscheidende Gelegenheiten verpassen, die Weichen für künftige Karrieren nicht rechtzeitig stellen könnte. In den Haushalten der Mitte findet man Beziehungsratgeber aller Art, Bücher zur frühkindlichen Förderung, Publikationen über Lese- und Lernstoff für den reibungslosen Übergang von der Grundschule zum Gymnasium, Tipps für ein Auslandsjahr von Schülern nach Abschluss der Mittelstufe. Die Mitte will partout nichts falsch machen, will um nichts in der Welt eine Chance zur besseren Ausbildung und Qualifikation ihrer Kinder versäumen.

Im Zuge dieses Chancen-Nutzen-Drucks über Bildungszugänge aber hat sich das Eltern-Kinder-Verhältnis zu einen eisernen Förderungs- und Forderungsverhältnis transformiert, in der nunmehr Schule, Unterricht, Lehrer und vor allem Noten vollauf im Mittelpunkt stehen. Chancen und Noten verschmelzen miteinander; die Note wird zum Seismograph für Tüchtigkeit, Leistungsbereitschaft, Erfolg im gnadenlosen Chancenwettbewerb. Und insofern wird die gute Note in der Familie der Mitte und des Establishments weithin finanziell prämiert.

Vor allem Familien der gesellschaftlichen Mitte gehen dabei bis an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit. Das Förderungs- und Belohnungssystem für die Zukunftsinvestitionen in den eigenen Nachwuchs zehren an den materiellen und psychischen Ressourcen. Klavier- und Ballettunterricht kosten, die Nachhilfe ebenfalls, die Reitstunde und der Sprachaufenthalt in England erst recht.


Chancenschlacht: Wer nicht mithält, hat ein für alle Mal verloren


Das alles erfordert berufliche Anspannung beider Elternteile und mindert so bei ihnen die Zeit für Aufsicht und Erziehung gegenüber den Kindern, was dann durch außerfamiliäre Betreuungspersonen und -einrichtungen kompensiert werden muss. Auch das ist mit hohen Kosten verbunden; und es verschafft den Eltern der sozialen Mitte zugleich ein chronisch schlechtes Gewissen, den Lernprozess ihrer Kinder nicht ausreichend individuell begleitet zu haben.

Dieses traurige Bild jedenfalls vermitteln die Ergebnisse der Sinus-Expertise: In der Mitte der Gesellschaft hat sich im Kampf um Chancen über Bildung eine erbarmungslose Rivalität aufgetan. Die Familien wirken im Zuge des allgegenwärtigen Wettbewerbsdrucks erschöpft, verunsichert, von der Furcht gepeinigt, gravierende Fehler zu machen, die ihrem Nachwuchs die Zukunft kosten könnte. Und alle sind verbittert über Staat und Politik, von denen sie sich im Chancendarwinismus alleingelassen fühlen.

Liest man diese geradezu beklemmend anmutende Untersuchung, dann wird einem Seite für Seite deutlich, das die Kategorie der "Chance" keineswegs die Klassiker der "sozialen" oder "solidarischen Gesellschaft" abzulösen vermag - wie es die "modernen Sozialdemokraten" gern hätten. Auch wenn das untere Fünftel durch Frühförderung und Ganztagsschulen künftig chancenfähig gemacht würde - was unzweifelhaft das Ziel jeder demokratischen Gesellschaft zu sein hat - entsteht dadurch allein noch keineswegs eine gute, gerechte, zivile, kommunitäre Gesellschaft.

Die Chancengesellschaft - eine kalte, rohe Angelegenheit

Im Gegenteil: Der offene Zugang zu Chancen in einer ansonsten gleichbleibenden Gesellschaft mit riesigen Einkommensdifferenzen, Machthierarchien, Klassenunterschieden, Distinktionen in Rang, Reputation und Renommee wird zu einem kompromisslosen Hauen und Stechen um weiterhin privilegiert angesiedelte Positionen führen.

Wer in dieser individualisierten Schlacht durch rigide Chancennutzung nicht mithält, hat rundum und ein für allemal verloren. Denn fortan gilt er als "gerecht" gescheitert, weil er im fairen Chancenwettbewerb versagt hat, die Leistung nicht zu erbringen vermochte, also selbst für sein negatives Schicksal verantwortlich ist, genauer: gemacht wird.

Die moderne Chancengesellschaft, die den Kontext altchristlicher Barmherzigkeit oder altsozialdemokratischer Solidarität verlässt, wird eine ziemlich kalte und rohe Angelegenheit. Sie wird massenhaft Scham erzeugen, zum Verlust der Selbstachtung beitragen.

In den 1950er Jahren hatte der sozialdemokratische Kulturpolitiker und Intellektuelle Carlo Schmid Bildung noch als "Widerstand gegen die Verzweckung des Lebens" bezeichnet. Denn: "Wo reine Anpassung erfolgt", so Carlo Schmid damals, "stehen wir außerhalb der Dialektik des Humanen".

Ein bisschen alte Sozialdemokratie könnte den modernen Bildungs- und Chancenideologen der kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft gar nicht schlecht tun.



URL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,541770,00.html

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