zurück   |   Druckversion15.02.2008 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Jugendstudien

Studie "Die PISA-Verlierer - Opfer ihres Medienkonsums"

KRIMINOLOGISCHES
FORSCHUNGSINSTITUT
NIEDERSACHSEN E.V. ____________________________________________
Prof. Dr. Christian Pfeiffer
Dr. Thomas Mößle
Presseerklärung
zur Veröffentlichung der Studie „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“
Am KFN wird seit 2004 mit verschiedenen Forschungsmethoden die Frage untersucht, wie
sich bestimmte Mediennutzungsmuster auf Schulleistungen von Kindern und Jugendlichen
auswirken. Die Befunde weisen überraschend deutliche Parallelen zu den Ergebnissen der
drei PISA-Studien auf. Dort wurden im Vergleich bestimmter Schülergruppen erhebliche
Leistungsunterschiede festgestellt. So haben Schüler mit Migrationshintergrund erheblich
schwächer abgeschnitten als einheimische deutsche. Entsprechendes gilt im Vergleich von
Schülern aus sozial schwachen Familien mit solchen aus der Mittelschicht. Ferner haben
Jungen schwächer abgeschnitten als Mädchen und norddeutsche Schüler schwächer als
süddeutsche. Bei der Interpretation dieser teilweise sehr ausgeprägten Leistungsunterschiede
wurde bisher ein wichtiger Aspekt kaum beachtet.
Bereits als Viertklässler verfügen die vier PISA-Verlierergruppen in ihren Kinderzimmern
über eine erheblich größere Ausstattung mit Fernseher, Spielkonsole und Computer als ihre
jeweilige Gegengruppe. So besitzen die Jungen zu 38 Prozent eine eigene Spielkonsole,
Mädchen dagegen nur zu 16 Prozent. Bei Migrantenkindern im Vergleich zu deutschen
Kindern fällt hier der Unterschied mit 44 Prozent zu 22 Prozent ähnlich groß aus. Er wächst
sogar auf 43 Prozent zu 11 Prozent, wenn wir Kinder aus bildungsfernen Familien (beide
Eltern höchstens Hauptschulabschluss) mit solchen aus der bildungsnahen Mittelschicht
vergleichen (mindestens ein Elternteil Akademiker). Beim Fernseher zeichnet sich ein
ähnliches Bild ab: Norddeutsche Kinder verfügen zu 42 Prozent über ein eigenes TV-Gerät,
süddeutsche nur zu 27 Prozent. 10-Jährige aus Migrantenfamilien liegen mit 52 zu 32 vor den
deutschen Kindern. Und erneut ergibt sich der größte Unterschied, wenn wir nach dem
Bildungsniveau der Eltern unterscheiden (bildungsfernes Elternhaus: 57 %, bildungsnahe
Mittelschicht 16 %).
Als Folge dieser Ausstattungsunterschiede bei Mediengeräten weisen die PISA-Verlierer
schon als 10-Jährige und später als 15-Jährige einen weit höheren und auch inhaltlich
problematischeren Medienkonsum auf als ihre bei PISA besser abschneidenden
Vergleichsgruppen. Dies belegen zwei vom KFN durchgeführte Querschnittsbefragungen von
5.500 Viertklässlern und 17.000 Neuntklässlern. Gestützt auf diese Untersuchungen sowie
eine seit 2005 laufende Panel-Untersuchung von 1.000 Berliner Kindern und einem
Experiment zu den Auswirkungen unterschiedlicher Freizeitbeschäftigungen auf die
Konzentrationsleistung können wir einen Befund klar belegen: Je mehr Zeit Schülerinnen und
Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter
fallen die Schulnoten aus.
Die Befunde eröffnen viel versprechende Perspektiven dafür, wie man die schulischen
Leistungen der PISA-Verlierer nachhaltig verbessern könnte. So sollten wir die Eltern
bundesweit über die Schulen gezielt darüber aufklären, wie negativ sich extensiver
Medienkonsum auf Schulleistungen auswirkt. Und wir sollten ihnen eine klare Botschaft
vermitteln: Bildschirmgeräte gehören nicht ins Kinderzimmer. Ferner müssen wir eines
feststellen: Der Jugendmedienschutz entfaltet nach wie vor nicht die erhoffte Wirkung.
Kinder und Jugendliche kommen relativ problemlos an Filme und Spiele heran, die als
jugendgefährdend anzusehen sind. Ein Weg dies zu verhindern, wäre der Einsatz von
Jugendlichen als Testkäufer. Nachdem der Bund hier passiv bleibt, sind die Länder
aufgefordert, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. Eines erscheint aber vor allem
dringend nötig: Wir müssen alles daran setzen, die Nachmittage der PISA-Verlierer vor einem
ausufernden Medienkonsum zu retten. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation wird nur
über die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zu erreichen sein, die nachmittags
primär einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, kulturelles
und soziales Lernen. Und schließlich müssen wir auf ein gravierendes Problem hinweisen:
Die wachsende Computerspielabhängigkeit von Jungen. Wir können deswegen nicht
akzeptieren, dass beispielsweise das Spiel „World of Warcraft“ weiterhin ab 12 Jahre frei
gegeben bleibt, obwohl inzwischen klar ist, dass 15-jährige Spieler mit diesem Spiel im
Durchschnitt pro Tag 4 ½ Stunden verbringen und viele von ihnen in suchtartiges Spielen
geraten. Zur Entstehung dieses Phänomens benötigen wir zum einen mehr Forschung, zum
anderen Modellversuche zur praktischen Erprobung von Therapie- und Präventionskonzepten.
Die Politik ist hier dringend zum Handeln aufgefordert.
Hannover, 15.2.2008
__________________________________________________________________________________
KFN · Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. · Lützerodestraße 9
30161 Hannover, Tel.: 0511-34836-0 · Fax: 0511-3483610
kfn@kfn.uni-hannover.de und www.kfn.de

nach oben   |   zurück   |   Druckversion15.02.2008 | eingestellt von: Norbert Kozicki