zurück   |   Druckversion24.10.2007 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Jugendstudien

Drei Viertel aller Kinder glauben nicht, dass sich die Politik um sie kümmert...World Vision Studie

Drei Viertel der Kinder in Deutschland glauben nicht, dass die Politik sich um sie kümmert. 13 Prozent fühlen sich auch von den Eltern vernachlässigt. Besonders betroffen sind Kinder aus der Unterschicht. Dies ergab eine repräsentative Studie, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wird.

Politiker reden viel über Kinder – aber selten mit ihnen. Im Rahmen der I. World Vision Kinderstudie 2007 wurden nun erstmals Kinder in Deutschland im Alter von 8 bis 11 Jahren über ihre Lebenssituation und ihr Lebensgefühl befragt – mit politisch durchaus relevanten Ergebnissen. Entwarnung gibt es für berufstätige Eltern: Nicht die Menge, sondern die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit ist entscheidend.

Autos stören

Die meisten Kinder sind nach eigenen Angaben mit sich und der Welt zufrieden. Das Familienleben wird von der befragten Altersklasse als ruhig und wenig konfliktträchtig beschrieben. Haupt-Störfaktor im Wohnumfeld sei der Autoverkehr.

Wie ein Kind seinen Alltag gestalten könne, hänge jedoch ganz entscheidend von seiner sozialen Herkunft ab. Kinder aus unteren Herkunftsschichten fühlten sich in allen Lebensbereichen – Schule, Familie, Wohnumfeld und Freizeit – stärker belastet und benachteiligt. „Wie ein ´roter Faden´ zieht sich eine Stigmatisierung und Benachteiligung dieser Kinder durch das ganze Leben“, erläutert der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, der die Studie mit konzipiert hat.

Zu viel allein, zu wenig gefördert

Während Kindern aus der Mittel- oder Oberschicht in der Regel ein vielfältiges kreatives Freizeitangebot offen stünde (drei Viertel sind in Vereinen aktiv oder besuchen eine Musikschule), seien Kinder aus sozial schwachen Familien in ihrer Freizeit häufig sich selbst überlassen und säßen vorwiegend vor dem Fernseher oder am Computer. 41 Prozent der Acht- bis Elfjährigen aus der unteren Herkunftsschicht gaben an, mehr als zwei Stunden täglich fernzusehen (gehobene Schichten: 10 Prozent). Die Folgen des Medienkonsums: Die Kinder bekämen weniger Anregung und Förderung, hätten weniger soziale Kontakte und ein geringeres Selbstvertrauen.

Arbeit und Kinder: kein Widerspruch

Die Frage, ob ein Kind sich allein und verlassen oder von den Eltern wahrgenommen und beachtet fühlt, hängt der Befragung zufolge weniger von der Dauer als vielmehr von der Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit ab. Immerhin vier von fünf Kindern (78 Prozent) seien der Meinung, dass einer oder beide Elternteile ihnen genug Zeit widmen. Nur 13 Prozent gaben an, dass kein Elternteil sich ausreichend um sie kümmere. Den stärksten Anteil in dieser Gruppe stellten die Kinder allein erziehender erwerbstätiger Eltern (35 Prozent), gefolgt von Kindern arbeits- oder erwerbsloser Eltern (28 Prozent). In Familien mit zwei Vollzeit arbeitenden Eltern beschwerten sich „nur“ 17 Prozent der Kinder über mangelnde Zuwendung. Werde die gemeinsam verbrachte Zeit umso intensiver genutzt, seien die Kinder zufrieden, folgerten die Experten. Kinderängste: Armut, Krieg und schlechte Noten

Gut die Hälfte der Kinder fürchte sich am meisten vor Armut, Krieg und schlechten Schulnoten. Auch die Umweltverschmutzung spiele eine Rolle. Nur 27 Prozent glaubten, dass die Politik sich um ihr Wohlergehen kümmere und sich für sie einsetze. Besonders skeptisch seien Kinder aus unteren Bildungsschichten.

Umgekehrt seien die Kinder selbst gerne bereit, sich für andere einzusetzen oder soziale Aufgaben zu übernehmen. 59 Prozent haben sich eigenen Angaben zufolge schon einmal engagiert, etwa in Vereinen und Schulen (z. B. als Klassensprecher oder Streitschlichter) oder bei Hilfsaktionen für Notleidende.

Merkmale einer kinderfreundlichen Gesellschaft

Wie müsste eine Gesellschaft aussehen, in der Kinder glücklich aufwachsen und sich positiv entwickeln können?

Die Autoren ziehen bei der Auswertung folgende Schlüsse:

Kinder profitierten vor allem

von einem stabilen häuslichen Umfeld,

von der gesicherten Existenz der Eltern,

von verlässlichen Formen der Betreuung,

von genügend gemeinsamer Familienzeit,

von abwechslungsreicher Freizeitgestaltung und

von persönlicher Wertschätzung (also dem Gefühl,

ernst genommen zu werden).

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