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Jugendstudien

Mediennutzung und Schulleistung- erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes

Eindeutige Zusammenhänge von Medienkonsum und schlechten Schulleistungen - eine Darstellung von Norbert Kozicki (Falken Bildungs- und Freizeitwerk NRW)

„Schulversagen durch exzessiven Medienkonsum?“ lautet die zentrale Fragestellung eines interdisziplinär angelegten Forschungsprojektes unter der Federführung von Professor Dr. Christian Pfeifer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover. Dieses Forschungsprojekt wird von der Volkswagen Stiftung unterstützt und hat eine Projektdauer von April 2005 bis Mai 2008.

Ziel des Projekts ist die Untersuchung der Folgen des intensiven, zunehmend unkontrollierten Fernseh- und Videokonsums durch Kinder und Jugendliche und die Entwicklung medienpädagogischer Alternativen. In einer Kombination neurobiologischer, medienpsychologischer und medienpädagogischer Forschungsansätze sollen die hirnphysiologischen und kognitiven Folgen untersucht werden. So sollen experimentelle neurobiologische und gedächtnispsychologische Studien den Zusammenhang zwischen dem Konsum problematischer Medieninhalte und Lernleistungen eingehend beleuchten.

Ziel dieser Längsschnittstudie ist die umfassende Beantwortung der Frage, in welcher Weise sich die Mediennutzung auf Kinder und Jugendliche bezüglich ihrer Freizeitgestaltung, ihres Sozialverhaltens, ihrer Intelligenzentwicklung und ihrer Schulleistungen auswirkt. Außerdem soll geklärt werden, welche Veränderungen sich durch eine gezielte Intervention und zeitliche Reduktion der Mediennutzung erreichen lassen. In dem „lernenden Projekt“ werden in Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Schulen sinnvolle Konzepte für den Medienunterricht entwickelt und getestet.

Den Anlass zu diesem Forschungsprojekt bildete die Beobachtung, dass besonders die Schulleistungen von Jungen seit den 1990er Jahren stark nachgelassen haben. Als zentraler Einflussfaktor kommt hier der Medienkonsum in Betracht, der bei einem großen Teil der Jungen mehr als vier Stunden pro Tag umfasst.

Jetzt liegen die Ergebnisse einer Befragung auf dem Tisch, die im Herbst 2003 im Großraum München und in Niedersachen (Stadt Hannover und Weserbergland) durchgeführt wurde. Insgesamt wurden 1 491 SchülerInnen per standardisiertem Fragebogen im Klassenverband befragt. Einige Ergebnisse beziehen sich auf eine Studie von 2003, die von Petersen in Niedersachsen mit 941 SchülerInnen an allen Schulformen im Alter von 12 bis 17 Jahren durchgeführt wurde.

Zum Zwecke der Auswertung der Befragungsergebnisse wurden die SchülerInnen in drei Gruppen eingeteilt: Wenigseher ( weniger als 1 Stunde Fernsehen pro Tag), Normalseher (1 bis vier Stunden Fernsehen pro Tag) und die Vielseher (mehr als 4 Stunden Fernsehen pro Tag).

Die Ergebnisse sind eindeutig und signifikant: Es gibt einen harten Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Schulleistung und Schulbesuch.

Die tägliche Fernsehzeit der SchülerInnen, die die Hauptschule besuchen, beträgt an Schultagen 209 Minuten, derer, die die Realschule besuchen, 188 Minuten und der SchülerInnen, die das Gymnasium besuchen, 119 Minuten. An freien Tagen steigt bei allen drei Gruppen die Dauer des Fernsehkonsums an, bleibt aber grundsätzlich gruppenbezogen: HauptschülerInnen 275 Minuten, RealschülerInnen 249 Minuten und Gymnasiasten 178 Minuten.

D. h. nach der oben erwähnten Definition gehören an freien Tagen die HauptschülerInnen grundsätzlich zu den Vielsehern, aber auch die RealschülerInnen.

Dazu kommt die tägliche Computerspielzeit der SchülerInnen. Auch hier ist das Ergebnis eindeutig: Haupt- und RealschülerInnen spielen täglich fast doppelt so lange wie die SchülerInnen des Gymnasiums. (143 Minuten, 158 Minuten, 85 Minuten)

Bei der Betrachtung dieser Nutzungsdauer liefert die Differenzierung weitere Erkenntnisse. Während Mädchen an freien Tagen nur 64 Minuten am Computer spielen, spielt ein Junge mehr als doppelt so lange, nämlich 150 Minuten. Dabei ist auffällig, das die tägliche Computerspielzeit bei Jungen an Schultagen nochmals um 26 Minuten ansteigt.

Auch die täglich Fernsehzeit der SchülerInnen, differenziert nach Jungen und Mädchen, bringt ein eindeutiges Ergebnis: Jungen sitzen sowohl an freien Tagen als an Schultagen länger vor dem Fernseher.

Bei der Betrachtung des Merkmals „Spätes Fernsehen während der Schulzeit“, d.h. länger als 22 und 23 Uhr „gewinnen“ die HauptschülerInnen eindeutig. Während 27,9% der HauptschülerInnen länger als 22 Uhr vor der Glotze sitzen, sind es bei den Gymnasiasten nur 8,8% (RealschülerInnen 12,4%).

Besonders signifikant ist das Ergebnis bei der Abfrage des Fernsehkonsums morgens vor der Schule, abgefragt nach „täglich und oft“. HauptschülerInnen schauen achtmal häufiger morgens Fernsehen im Vergleich zu den Gymnasiasten, die RealschülerInnen rund fünfmal häufiger als die Gymnasiasten.

Bei der Verteilung der Sehergruppen auf die unterschiedlichen Schulformen wird diese grundsätzliche Differenzierung in der Mediennutzung bestätigt. Während bei den Gymnasiasten die Gruppe der Vielseher am kleinsten ist, ist sie bei den HauptschülerInnen die Größte. Gleiches gilt umgekehrt: Die Gruppe der Wenigseher ist bei den HauptschülerInnen am kleinsten, bei den Gymnasiasten am größten.

Die Fernsehzeit der SchülerInnen erhöht sich, wenn sie ein eigenes TV¬-Gerät besitzen, und zwar während der Woche um über 53% und am Wochenende um über 39%.

In diesem Forschungsprojekt geht es auch um die Fragestellung, ob das Erleben extremer Gewaltdarstellungen in den Medien die langfristige Speicherung und Verarbeitung aufgenommener Lerninhalte behindert – was das Abfallen der schulischen Leistungen erklären könnte. Aus diesem Grund wurden auch solche Merkmale erhoben, wie z.B. „Nutzung verbotener Filme“, und zwar nach Schulformen und nach Mädchen und Jungen getrennt. Ebenso wurde die Nutzung problematischer Fernsehformate (Horror, Action- und Gewalt, Sex- und Pornofilme), getrennt nach Jungen und Mädchen und Schulformen, untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: der typische User aller problematischen Medieninhalte ist der männliche Hauptschüler, wobei die Unterschiedlichkeit bei den Geschlechtern im Konsum von Action- und Gewaltfilmen am größten ist.

Auch im Bereich der Nutzung von verbotenen Spielen, der Nutzung von verbotenen Filmen und der Nutzung von indizierten Spielen bestätigen sich alle bisher beschriebenen Trends.

Besonders interessant wird es, wenn in dieser Untersuchung die Schulnoten der einzelnen Sehergruppen dargestellt werden. Die Vielseher (mehr als 4 Stunden pro Tag) haben die schlechtesten Noten in Deutsch, Mathematik und Geschichte. Die Wenigseher weisen konsequenterweise die besten Noten auf, auch im Fach Sport. Auch der Zusammenhang von der Dauer des Fernsehgerätbesitzes im eigenen Zimmer und den Schulnoten wird darstellbar: Haben die Jugendlichen länger als zwei Jahre ein eigenes TV-Gerät im Zimmer wird die Note im Fach Deutsch schlechter. Diese Entwicklung bestätigen auch die Noten im Fach Mathematik.

Die Ergebnisse im abschließenden Kapitel über das Freizeitverhalten der befragten 12- bis 17jährigen können dann kaum noch überraschen: Die Wenigseher unter den Jugendlichen sind am häufigsten Mitglied im Sportverein, im Musikverein und in einer Kirchengruppe. Ein zentrales Ergebnis erhellt die Ergebnisse der PISA-Studien, die ausweisen, dass fast 25% aller Fünfzehnjährigen schlecht bis miserabel lesen und Texte verstehen können. Die Forscher um Professor Pfeifer analysierten die Lesehäufigkeit in Stunden pro Woche und brachten sie in Abhängigkeit vom Gerätebesitz. Je mehr Medien dem Jugendlichen zur Verfügung stehen und auch zeitlich genutzt werden, desto geringer ist die Lesehäufigkeit.

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