zurück   |   Druckversion08.01.2008 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Aktuelles >> Bildungspolitik

Trotz PISA und Gewaltdebatte: Immer weniger Mädchen und Jungen mit Zuwanderungsgeschichte erreichen in NRW das Abitur

31,4% aller Jungen mit Zuwanderungsgeschichte erreichen nicht den Hauptschulabschluss Klasse 10

In diesen Tagen tobt eine Debatte über die Jugendgewalt und über die so genannten Intensivtäter durchs Land. Einer der führenden Medienköpfe in dieser politisch instrumentalisierten Diskussion ist der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts des Landes Niedersachsen, Professor Christian Pfeiffer, der immer wieder die Wichtigkeit der Bildungsintegration für die jungen Menschen und besonders für Mädchen und Jungen mit Zuwanderungsgeschichte betont. Eine seiner Kernthesen lautet: Wenn türkische Jugendliche bessere Schulabschlüsse erreichen, nimmt der Anteil der Mehrfachtäter ( mindestens fünfmal straffällig) unter ihnen erheblich ab. Im Städtevergleich von Hannover und München will er dies nachgewiesen haben.

Diese Pfeiferschen Thesen werfen die Frage nach der aktuellen Entwicklung im Bildungssystem von Nordrhein-Westfalen auf, und zwar bezüglich der Frage, wie erfolgreich bzw. erfolglos sind Mädchen und Jungen mit Zuwanderungsgeschichte in unseren Schulen.

Die Bilanz kann nur als erschreckend bezeichnet werden. Aufgrund der Zahlen der NRW-Schulstatistik lässt sich folgendes Bild nachzeichnen:

Im Jahr 2006 erreichten von allen Migrantenjugendlichen 22,1% nicht den Hauptschulabschluss Klasse 10 (alle 11,5%) in Nordrhein-Westfalen. Bei den Jungen sind es über 25,7% , die diesen Abschluss nicht erreichten (Mädchen 18,7%). Bei regionaler Differenzierung steigert sich dieser schon hohe Wert noch weiter: in Gelsenkirchen sind es 31,4%, in Recklinghausen 29,2% und in Herne 26,2%.

Am Beispiel der Stadt Herne lässt sich die Entwicklung von 2001 bis 2006 aufzeigen: Im Schuljahr 2000/2001 erreichten 20,2% aller Migrantenjugendlichen nicht den Hauptschulabschluss Klasse 10. Fünf Jahre später waren es 24,4%, was einer Zunahme von 20,8% entspricht. Besonders die Migrantenmädchen waren von dieser negativen Entwicklung betroffen. Ihr Anteil vergrößerte sich um 43,9%: 22,3% aller Migrantenmädchen bekamen im Schuljahr 2005/2006 nicht den Hauptschulabschluss Klasse 10. Der Anteil der Migrantenjungen ohne Klasse10-Abschluss blieb auf hohem Niveau fast konstant.

Unter dem Aspekt der Erlangung der Hochschulreife bestätigte sich diese Schreckensstatistik für NRW und auch für Herne.

Im Jahr 2006 erhielten 27,2% aller Schulabgänger die Hochschulreife in NRW. In Herne waren es 26,5%.

Bei den Migrantenjugendlichen bietet sich ein ganz anderes Bild.

In NRW erreichten im Jahr 2006 13,3% aller ausländischen SchülerInnen das Abitur, in Herne 9,4%. Bei den ausländischen Mädchen waren es nur noch 3,8%. D.h. 6 ausländische Mädchen absolvierten in einer Großstadt wie Herne das Abitur. Im Vergleich zum Jahr 2001 waren es sage und schreibe 70,3% weniger !!

Dieser Trend lässt sich für den Zeitraum von 2001 bis 2006 für das gesamte Bundesland NRW nachweisen: die Bildungsintegration der Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte nimmt ab.

Der Vergleich von inländischen und ausländischen Mädchen bei der Erlangung der Hochschulreife zeigt die Chancenungleichheit dramatisch auf: Im Jahr 2006 erlangten in NRW 33,2% der inländischen Mädchen die Hochschulreife, aber nur 12,9% der ausländischen Mädchen. In Herne sind es 3,8% aller ausländischen Mädchen im Vergleich zu 32,7% aller inländischen Mädchen. (mit den Begriffen „inländisch/ausländisch“ arbeitet die NRW-Schulstatistik).

Trotz aller PISA-Untersuchungen und weiterer wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie diverser politischer Absichtserklärungen: Die Bildungssituation für junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte wird in NRW seit 2001 immer schlechter.

Wie sagte Professor Pfeifer in einem Interview mit Cosmo-TV: „Kindern und Jugendlichen muss eine Perspektive gegeben werden.“ Die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache.

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