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NEUE PISA-STUDIE: Erneut Negativrekord hinsichtlich der Gerechtigkeit

Akademikerkinder haben immer noch 2,7mal bessere Chancen auf den Besuch eines Gymnasiums als gleich begabte Kinder von Facharbeitern. Das stellte Manfred Prenzel, Koordinator des deutschen PISA-Konsortiums, bei der Vorstellung der neuesten Ergebnisse der Studie am Dienstag in Berlin fest. Trotz deutlicher Verbesserung bei den Naturwissenschaften bescheinigt die Untersuchung dem deutschen Schulsystem weiterhin erhebliche Mängel. Die Bildungschancen hängen noch immer hauptsächlich von der sozialen Herkunft ab und sind vor allem bei Kindern mit Migrationshintergrund massiv eingeschränkt, obwohl es sich überwiegend um hier geborene Einwandererkinder handelt. Der Leiter des Berliner Büros der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Heino von Meyer, führte die Defizite bei der Chancengerechtigkeit eindeutig auf das gegliederte Schulsystem mit der sehr frühen Einordnung der Kinder in verschiedene Leistungsgruppen zurück. Er betonte auch, daß die Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen in keinem anderen Land so groß seien wie in der BRD.
Angesichts der leichten Verbesserungen in Mathematik und in der Lesekompetenz sowie dem guten Abschneiden der deutschen Schüler bei naturwissenschaftlichen Leistungen sprach Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) von einem »positiven Zeichen für die Bildungsreform«. Der Berliner Bildungssenator und Präsident der Kultusministerkonferenz, Jürgen Zöllner (SPD), sagte in Berlin, die Ergebnisse seien kein Grund zum Jubeln, »aber zur Zuversicht«. Die in Berlin ebenfalls anwesende hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) betonte ebenso wie Michael Thielen, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, die Studie liefere keinerlei Beleg dafür, daß das Abschneiden der deutschen Schüler in irgendeinem Zusammenhang mit dem mehrgliedrigen Schulsystem stehe. Eine große »Spreizung« bei den Leistungen gebe es auch in »einigen Ländern« mit integriertem Schulsystem. Daher gebe es keinen Grund, die Schulstruktur hierzulande grundsätzlich in Zweifel zu ziehen, so Wolff.
Innerhalb der OECD spielt nach Angaben von Karin Zimmer, PISA-Leiterin bei der Organisation in Paris, nur in Luxemburg, Ungarn, Frankreich, Belgien und der Slowakei das Elternhaus beim Bildungserfolg eine vegleichbar große Rolle wie in Deutschland. Mit Blick auf das gute Ergebnis im Bereich der Naturwissenschaften betonte Heino von Meyer, es beinhalte keinen Leistungszuwachs im Vergleich zu früheren Studien. Vielmehr sei das bessere Abschneiden dem neuen Erhebungskonzept geschuldet. Die deutschen PISA-Forscher, die die internationale Studie erweitert hatten, sehen dagegen durchaus auch Verbesserungen im Vergleich zu früheren Untersuchungen.
Einig waren sich Politiker aller Parteien am Dienstag nur darin, daß die Anstrengungen bei der frühkindlichen Bildung weiter verstärkt werden müssen. Die Linksfraktion im Bundestag forderte von der Bundesregierung einen »sozialen Bildungspakt«.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warf der Politik Versäumnisse seit der ersten PISA-Studie vor. Sie habe sechs Jahre Zeit gehabt, »um gerade in bezug auf die Migrantenkinder sehr viel mehr in den Schulen zu tun, als geschehen ist«, erklärte GEW-Vize Marianne Demmer. Die Lehrer würden in Fragen der Chancengleichheit und der Kompensation von Benachteiligungen vor allem an Gesamt-, Haupt- und Sonderschulen mit der Vielzahl der Probleme völlig allein gelassen, kritisierte die Gewerkschafterin. Weder komme der Ausbau von Ganztagseinrichtungen zügig voran, noch bekämen die Lehrkräfte flächendeckend die »dringend nötige Fortbildung und Unterstützung bei der Sprachförderung«. Demmer ist überzeugt, daß »wirkliche Fortschritte« in Sachen Chancengleichheit nur durch den Abschied vom traditionellen Schulsystem und der frühen Selektion erreicht werden könnten. Sie machte auch darauf aufmerksam, daß laut PISA private Schulen in Deutschland nicht besser als öffentliche abschneiden.
pisa.ipn.uni-kiel.de/

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