zurück   |   Druckversion08.08.2005 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Aktuelles >> Bildungspolitik

Die Ergebnisse der neuen PISA-Studie für den Ländervergleich in Deutschland

NRW rutscht in den Keller der Bildungstabelle

Am 14. Juli 2005 veröffentlichte das PISA-Konsortium Deutschland eine Vorabinformation zu PISA E 2003 mit dem Titel „Zentrale Ergebnisse des zweiten Vergleichs der Länder in Deutschland“. Vor gut einem halben Jahr wurden die Ergebnisse der internationalen PISA-Studie 2003 publiziert, jetzt geht es um den Ländervergleich innerhalb der Bundesrepublik: PISA-E wie PISA-Erweiterung. Getestet wurden die Lesefähigkeit, das Verständnis von Mathematik und den Naturwissenschaften sowie die Fähigkeit zum Lösen von fächerübergreifenden Problemen. Für den Bundesländervergleich wurden im Frühjahr 2003 knapp 45 000 Schülerinnen und Schüler aus 1487 Schulen getestet.

Zentrale Ergebnisse dieses inländischen Vergleichs sind im Detail:

Der Kompetenzdurchschnitt der Schülerinnen und Schüler ist zwischen 2000 und 2003 insgesamt leicht gestiegen.

Eine deutlich positive Veränderung ist insbesondere in Bundesländern zu verzeichnen, die im Jahre 2000 relativ schlechte Ergebnisse hatten.

Die Kompetenzunterschiede zwischen den Bundesländern bestehen fort. Der Freistaat Bayern führt die Hitliste nach wie vor an und kommt innerhalb der OECD-Staaten nach den PISA-Siegern Finnland, Korea, Niederlande und Japan auf den fünften Platz, während Gesamtdeutschland auf Platz 16 liegt.

Der Kompetenzzuwachs in NRW fällt im Vergleich zu den anderen Bundesländern so gering aus, dass NRW in allen Ranglisten der Bundesländer um mehrere Plätze nach unten rutschte. Im Bereich der Entwicklung der Lesekompetenz konnte NRW als einziges Bundesland keine Kompetenzverbesserung erzielen. NRW steht im Bundesländervergleich auf Platz 14 der 16 Bundesländer und liegt bedeutsam unter dem Bundesdurchschnitt und dem internationalen OECD-Durchschnitt. Im Vergleich mit Bayern kann die Behauptung aufgestellt werden, dass die Schülerinnen und Schülern in Bayern im Alter von 15 Jahren gegenüber ihren Altersgenossen in NRW einen Lernvorsprung von einem kompletten Schuljahr aufweisen. Auch die Schülerinnen und Schüler in den Ländern Sachsen, Baden-Württemberg und Thüringen verzeichnen signifikante Lernvorsprünge gegenüber den Nordrhein-Westfalen.

Als erfreulich ist zu bewerten, dass die Problemlösungskompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler in fast allen Bundesländern mindestens auf dem oder sogar deutlich oberhalb des OECD-Durchschnitts liegt. Die Schülerinnen und Schüler erreichen in NRW genau den Durchschnittswert der OECD, liegen aber im bundesdeutschen Vergleich bedeutsam unter dem Bundesdurchschnitt. Auch bei dieser Kompetenzmessung haben NRW-Schüler gegenüber den bayerischen Jugendlichen eine „Entwicklungsverzögerung“ von fast einem Schuljahr.

Der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler und ihrem Kompetenzniveau ist in Deutschland noch immer stark ausgeprägt. Auch hier zeigen sich aber bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Ländern. Der Bundesländervergleich analysiert exemplarisch die Kopplung von sozialer Herkunft und mathematischer Kompetenz. Für die Analyse dieses Zusammenhangs wurde ein bestimmter Index aufgestellt, der sogenannte Index of Economic, Social and Cultural Status (ESCS), der die unterschiedliche Kompetenzentwicklung in den Bundesländern über diesen „Faktor der sozialen Herkunft“ erklärt.

Nicht so starke Zusammenhänge zwischen der sozialen Herkunft und der Entwicklung der mathematischen Kompetenz bestehen in den Ländern Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Bayern. Am stärksten ist dieser Zusammenhang in Bremen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen. Jeder vierte Schüler kann in Nordrhein-Westfalen aufgrund seiner sozialen Herkunft die mathematische Kompetenz nicht so entwickeln, wie es seinem kognitiven Potenzial entspricht. In Bayern oder Brandenburg ist „nur“ jeder Siebte davon betroffen.

Diese Zusammenhänge gilt es aber weiterzuuntersuchen. In den Medien wurde dieser Sachverhalt so kolportiert, dass Arbeiter- und Migrantenkinder in CDU/CSU-geführten Landesregierungen mehr lernen würden. Diese Aussage kann man so machen, wenn man von weiteren Befunden zur Bildungsproblematik absieht. Ein Beispiel verdeutlicht, dass diese oben getroffene Aussage zur parteipolitischen Dimension nicht so ganz stimmig ist. In Bayern bleibt jedes fünfte Kind aus eine Migrantenfamilie ohne Schulabschluss, in NRW jedes siebte Kind.

Der ausführliche Bericht über die Ergebnisse des Ländervergleichs in Deutschland wird am 3. November 2005 nach der Bundestagswahl veröffentlicht.

Ein Schulminister bewertete die jetzt vorliegenden Ergebnisse, dass „der Patient von der Intensivstation herunter sei und jetzt in stationärer Behandlung sei, bevor die Reha erfolge.“ Für NRW scheint diese Feststellung nicht zuzutreffen: das Schulsystem in NRW liegt immer noch auf der Intensivstation und bedarf dringendst bildungstherapeutischer Maßnahmen.

von Norbert Kozicki

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