zurück   |   Druckversion05.07.2005 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Aktuelles >> Bildungspolitik

Aufruf für einen Bildungspakt zwischen Jugendhilfe und Schule

Soziale Gerechtigkeit als Bildungsgerechtigkeit

Über 100 WissenschaftlerInnen sowie Verbandsvertreter haben einen Aufruf für einen »Bildungspakt zwischen Jugendhilfe und Schule« unterzeichnet. Der Pakt »eröffnet die Chance zur Neugestaltung der sozial- und bildungspolitischen Bedingungen des Aufwachsens im Interesse der Kinder und Jugendlichen«. Erst eine konstruktive Zusammenarbeit von Sozial- und Schulpädagogik ermöglicht den systematischen Transfer zwischen informellen und formellen Bildungsanteilen. Schule und Jugendhilfe müssen eine gesellschaftliche Verpflichtung gegenüber Kindern und Jugendlichen nachkommen.
Die Ergebnisse von PISA II bestätigen abermals die Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler. Die Diagnose ist nicht neu, aber nach wie vor fehlen überzeugende Strategien für eine sozial gerechte Rahmung von Bildungsprozessen der nachwachsenden Generation. Angesichts dieser Ausgangslage fordern wir aus erziehungswissenschaftlicher, bildungs- und jugendpolitischer Sicht einen Pakt zwischen Jugendhilfe und Schule.
Dieser Pakt ermöglicht eine kritische Analyse der sozialen und leistungsbezogenen Ausschlussmechanismen des hoch selektiven Schulsystems und seiner Folgen. Vor allem eröffnet er die Chance zur Neugestaltung der sozial- und bildungspolitischen Bedingungen des Aufwachsens im Interesse der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Eltern. Das Ausklammern der gesamten nicht-schulischen Pädagogik, insbesondere der Jugendhilfe, aus gegenwärtigen bildungspolitischen Kernüberlegungen ist unverantwortlich. Für die Umsetzung eines gesellschaftlichen und subjektorientierten Bildungskonzeptes, das unterschiedliche Bildungsfelder systematisch verknüpft, ist die nicht-schulische Pädagogik unverzichtbar. Sie ist jedoch nicht auf Betreuung zu reduzieren.
Erst eine konstruktive Zusammenarbeit von Sozial- und Schulpädagogik ermöglicht den systematischen Transfer zwischen informellen und formellen Bildungsanteilen. Schule und Jugendhilfe müssen eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und ihrer solidarischen Verpflichtung gegenüber Kindern und Jugendlichen nachkommen: 22 Prozent der Schüler und Schülerinnen in Deutschland erreichen nur das unterste schulische Leistungsniveau und sind somit immer weniger in der Lage, den Übergang ins Berufsleben und damit in eine sich selbst tragende Existenz zu gestalten. Für viele Jugendliche verschärft sich ihre Lebenssituation durch die katastrophale Ausbildungsmisere. Die verheerende Armuts- und Erziehungssituation von Kindern in unterprivilegierten Familien erzeugt Bildungsungerechtigkeit. Hier müssen unter Beteilung der Kinder und Jugendlichen konsequente Gegenstrategien ansetzen. Es gilt, gemeinsam strukturelle, organisatorische und individuelle Maßnahmen von Jugendhilfe und Schule zur umfassenden Bildungsförderung und -sicherung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zu entwickeln.
Eine gegenseitige Missachtung professioneller und disziplinärer Zugänge und die exklusive Betrachtung jeweils eigener Bildungs- und Lernkonzepte tragen zur Reproduktion von Ungleichheitsstrukturen bei. Ein Pakt zwischen Jugendhilfe und Schule ermöglicht Kindern und Jugendlichen umfassende Chancen für Bildung und Lebenskompetenz. Jugendhilfe und Schule müssen daher die derzeitige bildungspolitische Dynamik konstruktiv nutzen und dürfen die Chance einer gemeinsamen Neuorientierung, die in der Entwicklung und Organisation einer »Ganztägigen Bildung« liegt, nicht verstreichen lassen. D. h. auch, dass bisherige Ansätze einer Kooperation von Jugendhilfe und Schule, sei es im Bereich der Schulsozialarbeit, der Gesamtschulen und der Modellschulen kritisch-konstruktiv geprüft werden müssen.
»Bildung ist mehr als Schule«. Dieser Leitspruch des Bundesjugendkuratoriums gilt mehr denn je. Im Bildungsprozess machen Kinder und Jugendliche individuelle und soziale Erfahrungen, die für die Entwicklung ihrer Lebensperspektiven unabdingbar sind. Notwendig ist deshalb die aktive und systematische Mitwirkung von Jugendhilfe und Schule an der Umsetzung einer »Ganztägigen Bildung«, in der die Wechselwirkung und Dynamik der verschiedenen Bildungssphären – nicht zuletzt der Familien – berücksichtigt wird.
Ein Bildungspakt erfordert ein neues responsives Selbstverständnis von Jugendhilfe und Schule sowie eine offene Haltung gegenüber den unterschiedlichsten Leistungen und Räumen im Bildungsprozess. Das bildungspolitische und pädagogisch-praktische Potenzial eines Pakts zwischen Jugendhilfe und Schule bietet die große Chance, Ansprüche der nachwachsenden Generation in einer zunehmend auf Wissen, Kompetenzen und Fähigkeiten basierenden Gesellschaft zu gewährleisten. Dazu muss aber die Jugendhilfe ihre oft auch selbst gewählte Zuschauerrolle aufgeben, sich entschieden bildungspolitisch positionieren und auf den verschiedenen Ebenen ihrer Einflussnahme in Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteuren, diesen Bildungspakt realisieren. Soziale Gerechtigkeit ist ohne Bildungsgerechtigkeit nicht zu haben und Bildungsgerechtigkeit lässt sich nur mit sozialer Gerechtigkeit verwirklichen.
V.i. S. d.P.: Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Uwe Otto

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