zurück   |   Druckversion13.02.2009 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Soziale Lage >> Armut

Hohes Verarmungsrisiko Jugendlicher

Neue DGB-Studie

Die Erfolge beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit haben nichts daran ändern können, dass Jugendliche ein überdurchschnittliches Verarmungsrisiko haben. Fast 1 Mio. Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren waren noch im Sommer 2008 auf Hartz IV angewiesen. Zwar konnte ihre Zahl im Vergleich zum Vorjahr um gut 77.000 verringert werden, doch zählte nach wie vor gut jeder zehnte Jugendliche in Deutschland zu den Hartz IV-Empfängern. Diese Jugendlichen wachsen im Hinterhof der Wohlstandsgesellschaft auf. Nur der kleinere Teil von ihnen zählt offiziell als arbeitslos. Rechnet man die Kinder hinzu, waren trotz wirtschaftlicher Belebung noch 2,8 Mio. Menschen unter 25 Jahren auf Hartz IV angewiesen. Die gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen bei der Integration unserer Kinder und Jugendlichen sind enorm und gehen weit über die Zahl der registrierten Arbeitslosen und Ausbildungssuchenden hinaus.

1. Wie viele Jugendliche sind hilfebedürftig?

Von den knapp 1 Mio. Hartz IV Empfängern im Alter zwischen 15 und 24 Jahren wohnte Mitte 2008 ein Drittel in den neuen Ländern (336.000) und zwei Drittel in den alten (646.000). Im Vergleich zum Vorjahr hat sich ihre Zahl in beiden Landesteilen deutlich verringert, im Osten sogar mit 11 % deutlich stärker.
Nicht einbezogen sind dabei die rund 160.000 jugendlichen Arbeitslosen in der Arbeitslosenversicherung, sowie etwa 50.000 jugendliche Teilnehmer an Fördermaßnahmen, die ausschließlich von der Arbeitslosenversicherung betreut werden. Rechnet man sie hinzu, so sind etwa 1,2 Mio. Jugendliche offiziell förder- oder hilfebedürftig. Dem gegenüber haben bundesweit rd. 3,4 Mio. Jugendliche unter 25 Jahren einen sozialversicherten Job. Auf drei dieser erwerbstätigen Jugendlichen kommt damit eine/einer, der von Arbeitsagenturen oder den Trägern des Hartz IV-System betreut wird.

Mit dem Aufbau des Hartz IV-Systems hat sich die Hilfebedürftigkeit der Jugendlichen zunächst erhöht und seit Frühjahr 2007 nahezu kontinuierlich verringert. Sowohl der Anstieg wie der Rückgang war dabei deutlich stärker als bei allen Hilfebedürftigen im erwerbsfähigen Alter. Zu dem überdurchschnittlichen Rückgang hat auch ein gesetzlicher Sondereffekt beigetragen, da Jugendliche ab Juli 2006 meist keine eigene Bedarfgemeinschaft mehr darstellen können.
Der Rückgang bei den hilfebedürftigen Jugendlichen war mehr als doppelt so stark wie bei den auf Hartz IV angewiesenen Kindern unter 15 Jahren. Im Unterschied zu den Kindern wird die Hartz IV-Bedürftigkeit heranwachsender Jugendlicher bisher kaum thematisiert. Armut wie Arbeitslosigkeit gelten hier eher als eine vorübergehende Phase.

2. Wie hoch ist das Verarmungsrisiko Jugendlicher?

Trotz rückläufiger Hilfebedürftigkeit war Mitte 2008 immer noch gut jeder zehnte in Deutschland lebende Jugendliche auf Harz IV angewiesen; im Osten gilt dies sogar für mehr als jeden sechsten Jugendlichen. Das Verarmungsrisiko der 15- bis 24-jährigen ist hier mit 17,4 % doppelt so hoch wie für die Gleichaltrigen in den alten Bundesländern (8,4 %).

Zwischen den einzelnen Bundesländern sind die Unterschiede noch größer. Am ungünstigsten stellt sich die Situation in Berlin dar, wo mehr als jeder/jede fünfte Jugendliche Hartz IV-Leistungen bezieht. Es folgen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit einer Hilfequote von fast 20 % der 15 – 24jährigen Bevölkerung. Unter den westdeutschen Ländern ist Bremen das Schlusslicht. Hier ist das Verarmungsrisiko Jugendlicher doppelt so hoch wie im Schnitt der westdeutschen Länder und auch höher als in Sachsen und Brandenburg. Als nächste folgen Hamburg und Thüringen, wo die Hilfequote nahezu gleichauf liegt. Am güns-tigsten stellt sich die Situation in Bayern dar, wo das Verarmungsrisiko mit 4,2 % nur halb so hoch ist wie in den anderen westlichen Bundesländern. Diese beträchtlichen regionalen Disparitäten folgen weitgehend noch einem Ost-West-Gefälle, zeigen in den alten Ländern aber auch gewisse Unterschiede zwischen Nord und Süd.

Auffallend ist ebenso, dass die Hilfequote der Jugendlichen in nahezu allen Bundesländern höher ist als für alle Personen im erwerbsfähigen Alter. Lediglich in Bayern lag die Quote der Jugendlichen leicht niedriger als die der erwerbsfähigen Hilfeempfänger insgesamt. In den anderen Bundesländern ist das Verarmungsrisiko von Jugendlichen hingegen im Vergleich zu allen erwerbsfähigen Hilfeempfängern überdurchschnittlich hoch.
Besonders gravierend ist die Armutserfahrung, wenn sich der Hilfebezug bereits in jungen Jahren verfestigt. Von den 18 – 29jährigen beispielsweise, die im Januar 2005 erstmalig be-dürftig wurden, waren etwa 40 % bis Ende 2006 durchgängig im Hartz IV-Bezug. Doch selbst von jenen, die den Ausstieg aus dem Hilfebezug schafften, waren etwa die Hälfte in diesem Zeitraum zeitweise erneut hilfebedürftig. Selbst Jugendliche, die relativ schnell aus dem Hilfebezug ausscheiden können, fallen teils auch schnell wieder in Armut zurück. Die Prekarisierung des finanziellen Lebensstandards für eine nicht gerade kleine Gruppe unter den Jugendlichen kann nicht mehr übersehen werden.

Dies zeigt, in welch hohem Maße ein Start ins Erwerbsleben mit Unsicherheit und unsicheren beruflichen Perspektiven beginnt. Sie ist zugleich Ausdruck einer steigenden Polarisierung auch zwischen den Jugendlichen und wachsender sozialer Ausgrenzung.

3. Wie viele Jugendliche sind arbeitslos?

Mitte 2008 zählte die Arbeitslosenstatistik 304.000 arbeitslose Jugendliche. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum konnte sie um 17 % abgebaut werden und damit weit stärker als die Hilfebedürftigkeit dieser Altersgruppe.

Fast 60 % der arbeitslosen Jugendlichen werden zwischenzeitlich vom Fürsorgesystem betreut, im Osten sogar fast zwei Drittel (63,4 %). Zu berücksichtigen ist dabei, dass auch eine kurzfristige Förderung oder Beschäftigung die Arbeitslosigkeit beendet. Bei (neuer) Arbeitslosmeldung fängt die Dauer neu an zu laufen; Phasen der Arbeitslosigkeit werden nicht zu-sammengezählt.

Im Hartz IV-System wurden insgesamt 178.000 arbeitslose Jugendliche gezählt. Dies ist nur ein sehr kleiner Teil der auf Fürsorge angewiesenen Jugendlichen. Die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen hat sich im Zeitablauf weit stärker verringert als die der durch das Hartz IV-System insgesamt unterstützten Jugendlichen. Mitte 2008 zählte nicht einmal ein Fünftel der jugendlichen Hartz IV-Empfänger zu den Arbeitslosen. Arbeitslosigkeit ist längst nicht immer ausschlaggebend für das hohe Verarmungsrisiko Jugendlicher. Zu berücksichtigen ist dabei, dass viele Jugendliche offiziell nicht als arbeitslos zählen und international vergleichbare Statistiken auch für Deutschland eine höhere Jugendarbeitslosigkeit ausweisen.

Hinzu kommen rd. 170.000 Jugendliche, die sich in Fördermaßnahmen des Hartz IV-Systems befanden. Ihr Anteil an den Teilnehmern an der aktiven Förderung ist mehr als doppelt so hoch wie ihr Anteil an den Arbeitslosen. Innerhalb des Hartz IV-Systems werden sie überproportional gefördert. Die größte Bedeutung kommt auch bei den Jugendlichen den 1-Euro-Jobs zu. Im Sommer 2008 übten rd. 40.000 Jugendliche eine Tätigkeit im Rahmen von Arbeitsgelegenheiten aus. Dies waren drei Mal so viele wie jene, die als Jugendliche über Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung gefördert wurden. Die arbeitsmarktpolitischen Schwerpunkte wurden falsch und vorrangig auf kurzfristige Instrumente gesetzt, die kaum zukunftsorientierte und nachhaltige Eingliederungschancen eröffnen. Dabei sollen Arbeitsgelegenheiten immer nachrangig gegenüber Vermittlung in Arbeit oder Ausbildung, Qualifizierung und anderen Eingliederungsinstrumenten sein. Dies gilt auch für schulmüde Jugendliche. Insbesondere für Jugendliche mit und ohne Hauptschulabschluss muss weit mehr zur beruflichen Qualifizierung getan werden. Insbesondere sie gehen oftmals bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz leer aus. Für Jugendliche ohne Hauptschulabschluss ist es fast aussichtslos geworden. Lediglich einem Fünftel von ihnen gelingt der Übergang ins duale Ausbildungssystem, von den Hauptschulabsolventen gelingt es gut der Hälfte.

Insbesondere den Jugendlichen mit sehr schlechten Chancen auf Ausbildung muss eine Möglichkeit der Weiterbildung eröffnet werden. Neue Formen praxisorientierter Qualifizierung sind dabei notwendig. Dringend ausgebaut werden muss ebenso die „nachgehende Betreuung“, um einen kurzfristigen Abbruch von Maßnahmen und Beschäftigung möglichst zu verhindern und stabile Beschäftigung zu fördern. Unter den arbeitslosen Jugendlichen ist der Anteil jener ohne Schulabschluss deutlich höher als in der Arbeitslosenversicherung. Drei Viertel der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen ohne Schulabschluss beziehen Hartz IV: Mehr als jeder vierte arbeitslose Jugendliche im SGB II hat keinen Schulabschluss. Dieser Anteil schwankt regional. In Thüringen war der Anteil 2007 mit 18,5 % am geringsten und in Nordrhein-Westfalen am höchsten; fast jeder dritte (29,9 %) arbeitslose Jugendliche mit Hartz IV-Bezug erreichte in diesem Bundesland keinen Hauptschulabschluss. In der Arbeitslosenversicherung hatten demgegenüber 9,2 % der arbeitslosen Jugendlichen keinen Hauptschulabschluss. Im Hartz IV-System ist der Anteil mit bundesweit 27,1 % fast drei Mal so hoch.

Doch auch im Hartz IV-System hat die weit überwiegende Mehrzahl einen Schulabschluss. Immerhin ein Viertel der arbeitslosen Jugendlichen hat auch im Fürsorgesystem die mittlere Reife und immerhin rund 6 % einen höheren Schulabschluss (Hochschulrei-fe/Fachhochschulreife). Folglich kann keinesfalls davon gesprochen werden, dass alle in Armut lebenden arbeitslosen Jugendlichen keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss haben.

4. Erwerbstätigkeit bzw. Schul- und Berufsausbildung hilfebedürftiger Jugendlicher

Hilfebedürftigkeit hat viele Gründe. Oftmals ist es nicht die eigene Arbeitslosigkeit, sondern andere Lebensumstände, die zur Bedürftigkeit führen. Meist steht dies mit der schwierigen finanziellen Lage des Haushalts oder mit Arbeitsmarktproblemen der Eltern im Zusammen-hang. Dies gilt beispielsweise für Jugendliche, die in Ausbildung oder bereits erwerbstätig sind und dennoch auf Hartz IV angewiesen sind. Das eigene Einkommen ist hier meist so niedrig, dass man davon allein nicht leben kann. Soweit die Eltern oder andere Familienmitglieder nicht über ausreichendes Einkommen verfügen, kann Hartz IV-Bedürftigkeit vielfach nicht verhindert werden. Rd. 160.000 Jugendliche bzw. jede/jeder sechste hilfebedürftige Jugendlich unter 25 Jahren ist zugleich erwerbstätig. Fast 100.000 dieser erwerbstätigen Hilfeempfänger verdienten weniger als 400 €, doch gut 60.000 erzielten ein darüber hinausgehendes Einkommen. Großteils dürften sie sich noch in Ausbildung befinden. Ihre Bedürftigkeit entsteht dann oftmals nicht (allein) wegen eigener Arbeitsmarktprobleme, sondern wegen der Armut der Familie bzw. Bedarfsgemeinschaft.

Weitere 80.000 Hilfebedürftige zählen zu den Alleinerziehenden und sind jünger als 25 Jahre. Rd. jeder achte Alleinerziehende ist noch im jugendlichen Alter, fast ausschließlich besteht diese Gruppe aus Frauen. Diese jungen Mütter stehen dem Arbeitsmarkt großteils nicht zur Verfügung, da ihre Kinder jünger als drei Jahre alt sind. Sie sind überdurchschnittlich lange hilfebedürftig, da der Eintritt in eine möglichst dauerhafte und Existenz sichernde Beschäftigung oftmals nicht gelingt.

Fast die Hälfte der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren dürfte noch zur Schule gehen; entweder im allgemeinbildenden System oder besuchen Ausbildungsgänge an Berufsfachschulen. Sie leben meist noch bei den Eltern oder bei einem Elternteil. Häufig ist ein weiteres Haushaltsmitglied arbeitslos oder es kann trotz Erwerbstätigkeit das gesellschaftliche Existenzminimum der Bedarfsgemeinschaft nicht gesichert werden. Das Verarmungsrisiko dieser Jugendlichen ist hier offensichtlich längst nicht immer Ausdruck eigener beruflicher Integrationsprobleme, sondern relativ oft auf das Fehlen Existenz sichernder Arbeitsplätze der Eltern zurückzuführen. Von den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren leben beispielsweise rund ein Drittel in Mehrpersonenhaushalten, in denen ein weiteres Mitglied der Haushaltsgemeinschaft arbeitslos ist. Diese Jugendlichen können bei eigenen Übergangsproblemen ins Erwerbsleben kaum auf familiäre Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen. Per Saldo befindet sich der größere Teil der jugendlichen Hilfeempfänger noch in der Schul- und Berufsausbildung. Die Arbeitslosigkeit allein ist kein aussagefähiger Indikator für die sozialen Problemlagen, auch von Jugendlichen. Erfolge beim Abbau der Arbeitslosigkeit Jugendlicher lassen die soziale Situation vieler Jugendlicher günstiger erscheinen als sie tatsächlich ist. Unübersehbar sind zugleich die Defizite des schulischen und beruflichen Ausbildungssystems. Im November 2005 hatten beispielsweise 47 % der 18 – 24-jährigen Hartz IV-Empfänger das Bildungssystem verlassen, konnten aber dennoch keinen Schulabschluss oder beruflichen Ausbildungsabschluss vorweisen
Die schlechten Bildungschancen sind ein entscheidendes Handicap vieler Jugendlicher beim Berufseinstieg.

5. Armut heißt: Weniger Normalität im Leben

Armut hat viele Gesichter. Dies zeigt sich bei Jugendlichen wie Erwachsenen gleichermaßen. Häufig muss auf selbstverständliche Dinge verzichtet werden. Das in den Hartz IV-Regelsätzen gewährte Existenzminimum insbesondere für Kinder und Jugendliche reicht nicht aus. Allein aufgrund von Preisentwicklungen seit Aufbau des Hartz IV-Systems Anfang 2005 müsste eine Erhöhung um rd. 5 % erfolgen, wie das Bundesarbeitsministerium selbst errechnete. Berücksichtigt man die Preisentwicklung bei regelsatzrelevanten Gütern, so müsste die Erhöhung mindestens 8 % betragen.4 Wie schwierig die finanzielle Situation vieler Jungendlicher sein kann, zeigt eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) der Universität Bonn. Danach sei für die Ernährung eines 14- bis 18jährigen mindes-tens 4,68 € täglich notwendig, während der Gesetzgeber lediglich 3.42 € vorsieht.

Oft wird in armen Familien am Essen gespart oder das Billigste vom Billigen gekauft; eine ausgewogene Ernährung wird erschwert, auch wenn dies für Kinder und Jugendliche besonders wichtig ist. Einen hohen Stellenwert für manche Jugendliche hat Kleidung, denn sie entscheidet darüber, ob man dazu gehört. Jugendliche aus armen Verhältnissen können da nicht mithalten, spüren die Benachteiligung oder suchen sie zu kompensieren. Arm sein bedeutet, nicht dazuzugehören. Um die Fassade aufrecht halten zu können, sind größere Opfer erforderlich. Längst nicht immer ist diese Armut im Alltag augenfällig.

Nach Einschätzung der Eltern weisen nicht nur Kinder, sondern auch Jugendliche mit niedrigem sozioökonomischem Status ein deutlich höheres Risiko von Verhaltensauffälligkeiten auf als Jugendliche mit mittlerem oder höherem sozioökonomischen Status. Dies zeigt sich ebenso bei Problemen im Umgang mit Gleichaltrigen. Jugendliche aus Familien mit niedrigem finanziellem Status haben hier häufiger Probleme als Jugendliche aus den beiden anderen Statusgruppen.

Befragungen im Rahmen des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey zeigen ebenso: „Ein niedriger sozioökonomischer Status der Familie geht bei Kindern und Jugendlichen mit Defiziten in den ihnen zur Verfügung stehenden personalen, familiären und sozialen Ressourcen einher. Als Erklärungsansätze hierfür könnten neben materiellen Entbehrungen, bei den Eltern erlebte Ohnmachtserfahrungen (z. B. keinen Arbeitsplatz finden) und dem schlechten Zugang zu Bildung, auch die vermutlich höhere Belastung mit einhergehenden Konflikten in der Familie herangezogen werden.6
Zweifelsohne gibt es auch unter Armutsbedingungen unproblematische Entwicklungsverläufe von Kindern und Jugendlichen. Doch die Chancen dazu sinken mit der Dauer der Hilfebedürftigkeit. Insbesondere dann wird es schwierig, soziale und kulturelle Ressourcen zu mobilisieren und ein soziales Umfeld in Familie, Schule und Wohngegend sicher zu stellen. Bleibt Armut hingegen eine nur kurze „Episode“, stellen sich meist weit bessere Bewältigungschancen ein. Mit den wachsenden Einkommensunterschieden und einer verschärften Selektion auf dem Arbeitsmarkt sind diese Hoffnungen zur dauerhaften Überwindung von Hartz IV-Bedürftigkeit teils trügerisch. Viele fallen nach relativ kurzer Zeit wieder in Armut zurück und drohen als Verlierer auf dem Arbeitsmarkt zurück zu bleiben. Das Festhalten an den Normen der Arbeitswelt führt kann dann schnell zu Zielkonflikten und neuen finanziellen wie auch sozialen Spannungen führen.

6. Armut heißt: Niedrigere Bildungschance

Die PISA-Studie hat gezeigt, dass Bildungsarmut bei uns mehr noch als in vielen Nachbarländern in relativ starkem Maße vererbt wird. Je reicher die Familie eines Kindes ist, desto eher hat es Erfolg in der Schule. An Hauptschulen – in die nur unterdurchschnittlich investiert wird – gibt es dreimal öfter arme Schüler. Eltern armer Kinder entscheiden sich häufiger gegen weiterführende Schulen, weil ihre Kinder früher Geld verdienen sollen. Aber auch finanzieller Stress und familiäre Konflikte gehen schnell mit schulischem Versagen einher. Relativ geringe berufliche Perspektiven, auch des sozialen Umfeldes, fördern Resignation und Mutlosigkeit. Es verwundert nicht, wenn viele jugendliche Hartz IV-Empfänger die Schule ohne Schulabschluss verlassen.

Aber auch Schulabschluss ist noch nicht gleichzusetzen mit einer Berufsausbildung. Hier schneiden jugendliche Hartz IV-Empfänger noch ungünstiger ab. Nahezu drei Viertel der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren hatten 2005 im Hartz IV-System noch keine abgeschlossene Berufsausbildung. Insbesondere ihnen fehlt selbst bei guter schulischer Ausbildung die nötige Qualifikation als Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration in Arbeit. Nicht selten zählen sie zu den Opfern der Ausbildungsmisere. Der Widerspruch zwischen der politischen Rhetorik von Teilhabegerechtigkeit und der tatsächliche Bildungspolitik zugunsten benachteiligter Bildungsgeschichten ist offensichtlich.

Besonders hoch ist das Verarmungsrisiko bei Kindern und Jugendlichen, vor allem aus ohnehin benachteiligten Schichten der einfachen und der beruflich qualifizierten Arbeitnehmerschaft, die als erste von der Prekarisierung der Arbeitswelt betroffen sind. Insbesondere für sie sind soziale und berufliche Perspektiven oftmals nicht erkennbar. Die soziale Herkunft bestimmt nach wie vor die Zukunft von Kindern und Jugendlichen. Längst ist die Bildungsexpansion vergangener Jahre einer Bildungsstagnation gewichen, mit einem unakzeptabel hohen Niveau Jugendlicher ohne Schul- und Ausbildungsabschluss. In einer Gesellschaft, in der ein mittlerer Bildungsabschluss den Standard definiert, werden Jugendliche ohne Schul- oder Berufsabschluss als leistungsschwach etikettiert und sind schnell einer dauerhaften Stigmatisierung ausgesetzt.

7. Armut heißt: Ein Risiko kommt selten allein

Armut ist keinesfalls ein eindimensionales Phänomen, sondern strahlt auf alle Lebensbereiche aus. Einkommensarmut geht beispielsweise in stärkerem Maße mit gesundheitlichen Problemlagen einher. Ein niedriges Einkommen sowie ungünstiges soziales Umfeld und ein hohes familiäres Konfliktpotential vervierfacht beispielsweise das Risiko von Kindern und Jugendlichen psychisch zu erkranken. Auch wenn es keinen automatischen Zusammenhang gibt, verhalten sich in Armut aufwachsende Jugendliche etwas häufiger gesundheitsriskanter, üben eher keinen Sport aus oder essen seltener frisches Obst und Gemüse. Lediglich beim Tabak- und Alkoholkonsum zeigen sich keine bedeutsamen Unterschiede bei den Jugendlichen aus unterschiedlichen Einkommensschichten.

Wie groß der Zusammenhang zwischen Einkommensarmut und Unterversorgung oftmals ist, zeigt folgende Auswertung für jugendliche Hartz IV-Empfänger zwischen 18 und 24 Jahren. 60 % dieser Heranwachsenden berichten, dass sie aufgrund der finanziellen Probleme verstärkt auf Konsumgüter verzichten müssen. Jeder dritte 18 – 24-jährige Hartz IV-Empfänger hat bereits Schulden. Ein gutes Viertel von ihnen lebt in eingeschränkten schlechten Wohnverhältnissen. Bei jungen Migranten und Migrantinnen ist in noch weit stärkerem Maße eine gleichzeitige Unterversorgung in mehreren Lebensbereichen festzustellen. Sie leben weit häufiger in schwierigen Wohnverhältnissen und in Haushalten, in denen mindestens ein Fa-milienmitglied arbeitslos ist. Dies gilt für jugendliche Zuwanderer der ersten Generation noch weit mehr als für jene der zweiten Generation. Bei jenen der zweiten Generation zeigen sich demgegenüber finanzielle Probleme etwas stärker und auch ein schlechteres subjektives Wohlbefinden. Noch deutlicher treten die Unterschiede bei einem Vergleich mit jenen Altersgenossen ohne Migrationshintergrund zutage. Obwohl Zuwanderer der zweiten Generation meist gleichfalls über gute Deutschkenntnisse verfügen, sind ihre Lebensumstände deutlich schlechter als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.

8. Schlussbemerkung

Armut unter Jugendlichen ist keinesfalls mehr eine gesellschaftliche Randerscheinung und längst ist nicht nur der Einstieg in die Berufsausbildung schwerer geworden. Knapp 1 Mio. Jugendlicher ist immer noch hilfebedürftig. Dies weist darauf hin, dass der Übergang von der Schule in eine Ausbildung oder Existenz sichernde Erwerbstätigkeit häufig nicht reibungslos verläuft und für viele bereits Erfahrung mit dem Fürsorgestaat gemacht haben, noch bevor sie Fuß in die Arbeitswelt gemacht haben. Die offizielle Arbeitslosigkeit der Jugendlichen zeigt nur einen Ausschnitt der zugrundeliegenden sozialen Problemlagen.

Die Zahl der Jugendlichen mit sozialem oder arbeitsmarktpolitischem Unterstützungsbedarf geht weit darüber hinaus. Erfolgsmeldungen beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit spiegeln die sozialen und beruflichen Herausforderungen der Jugendlichen nur unzureichend wider. Oftmals sind Jugendliche aber auch deshalb hilfebedürftig, weil andere Familienmitglieder arbeitslos sind, oder die finanzielle Lage des Haushalts insgesamt sehr schwierig ist.

Diese Jugendlichen erfahren die gesellschaftliche Spaltung bereits in jungen Jahren; sie wachsen in Verzicht auf, während andere sich nahezu alles leisten können. Zwischen Armut und Entwicklungsverlauf von Kindern und Jugendlichen gibt es aber keinesfalls einen mechanistischen Zusammenhang. Hilfebedürftigkeit ist meist nicht die Ursache ungleicher Le-benschancen, sondern oftmals Folge. Eine gute Schule oder Wohngegend beispielsweise, auch bei gleich niedrigem Einkommen, kann kompensierend wirken, während bei Fehlen derartiger Netze und Strukturen es weit schwieriger ist, soziale und berufliche Perspektiven aufzuzeigen.

Armut steht nicht am Anfang gesellschaftlicher Mangellagen, kann diese allerdings verstärken. Soweit diese Risikofaktoren sich jedoch addieren, können die negativen Effekte schnell kumulieren. Jugendliche im Umfeld des Hartz IV-System haben ein höheres Risiko für mehrfache Benachteiligung. Dies gilt nicht für alle, aber doch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil. Neben den finanziellen Problemen sind es vor allem Arbeitslosigkeit und niedriges Erwerbseinkommen im Familienkontext oder schlechte Wohnverhältnisse, die hier anzutreffen sind. Hinzu kommen schlechtere Chancen im Ausbildungssystem und in der Arbeitswelt.

Arbeitsmarkt- und sozialpolitische Integrationsmaßnahmen müssen diesen unterschiedlichen Lebensumständen der Jugendlichen Rechnung tragen. Individuelle und kreative Ansatzpunkte sind gefragt, die die gesamten Lebensumstände einschließlich des sozialen Netzwerks in den Blick nehmen. Bei einer massenhaften Zuweisung in 1-Euro-Jobs ist ein Scheitern hingegen häufig vorprogrammiert. Gefragt sind neue Formen von Arbeiten und Lernen, die auch schulmüden Jugendlichen Mut machen können. Neue Formen praxisorientierter Qualifizierung sind notwendig. Dringend ausgebaut werden muss ebenso die „nachgehende Betreuung“, um einen kurzfristigen Abbruch von Fördermaßnahmen möglichst zu verhindern und stabile Beschäftigung zu fördern. Die Sprachförderung für benachteiligte Jugendliche sollte gleichfalls möglichst in Fördermaßnahmen integriert werden. Dies schließt neue Möglichkeiten ein zum Nachholen von Hauptschulabschluss und Berufsausbildung. Präventive arbeitsmarkt-, sozial- und bildungspolitische Ansatzpunkte sind gefragt, die längerfristig weit wirksamer und erfolgreicher sind als kurzfristige kurative Maßnahmen. Dies wird aber nur dann gelingen, wenn die unterschiedlichen Politikbereiche besser zusammen wirken und auch die Bildungspolitik der Länder einen besseren Beitrag leistet, um auch Jugendliche besser vorzubereiten für die Herausforderungen der Arbeitswelt. Insbesondere benachteiligte Jugendliche brauchen eine zweite Chance, egal aus welchem Grund sie die erste Chance nicht genutzt haben oder nutzen konnten. Wird damit Ernst gemacht, darf es nicht nur ein Bafög für Studenten und Meister geben und müssen Initiativen zum Abbau schulischer Bildungsdefizite auch als gesamtgesellschaftliche Aufgaben wahrgenommen und voll aus Steuermitteln und nicht länger über Beitragsmittel der Arbeitslosenversicherung finanziert werden.

So sinnvoll verstärkte Initiativen zum Nachholen des Hauptschulabschluss für Jugendliche Hartz IV-Empfänger auch sind, so problematisch ist die Finanzierung, die wieder einmal aus den Arbeitslosenbeiträgen erfolgen soll.

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