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Soziale Lage >> Armut

Arm trotz Aufschwung: Reallöhne sinken, Armut wächst weiter

Neue aktuelle Studie des WSI

Der Aufschwung kommt bei den Menschen an.« Diese Behauptung der Kanzlerin während der Haushaltsdebatte im Bundestag ist schlicht eine Lüge. Das belegt eine am Donnerstag vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung vorgestellte Studie. Demnach sinken die Reallöhne trotz der ökonomischen Erholung, während die Armut – insbesondere von Kindern – weiter wächst. »Der Aufschwung kommt bei vielen Arbeitnehmern – und insbesondere bei denen, die es am dringendsten nötig hätten, also bei Niedriglohnbeziehern und Armen – eben gerade nicht an«, so das Fazit des WSI-Experten Claus Schäfer.

Den von dem Institut zusammengetragenen Zahlen zufolge geht der Anteil der Beschäftigten am Volkseinkommen, die sogenannte Lohnquote, weiter zurück. »Das ist für einen Aufschwung untypisch«, erklärte Schäfer. Während im vergangenen Jahr 40,5 Prozent des privat verfügbaren Volkseinkommens den abhängig Beschäftigten zugute kam, waren es im ersten Halbjahr 2007 nur noch 38,8 Prozent. 1960 lag dieser Wert in Westdeutschland bei knapp 56 Prozent. Gestiegen ist hingegen der Anteil der Gewinne: Von 24,4 Prozent im Jahr 1960 auf 33,8 Prozent im vergangenen Jahr und 36,6 Prozent im ersten Halbjahr 2007. »Die Schere geht also immer weiter auseinander«, stellte Schäfer fest. Diesen Trend konnten auch die in letzter Zeit etwas besser ausgefallenen Tarifabschlüsse nicht umkehren. Laut WSI wird die 2007 erreichte Erhöhung der Tariflöhne um 2,1 Prozent in Ost- und 2,3 Prozent in Westdeutschland allein durch die Preissteigerung von etwa drei Prozent mehr als aufgefressen. Zudem habe es in vielen Branchen, beispielsweise im öffentlichen Dienst, überhaupt keine Lohnerhöhungen gegeben.

Eine weitere Ursache für den Rückgang der Lohnquote sehen die Wissenschaftler darin, daß ein Großteil der im Aufschwung neu geschaffenen Jobs prekären Charakter haben. Mehr als die Hälfte dieser Beschäftigungsverhältnisse seien befristet, geringfügig oder in der Leiharbeit entstanden – zumeist mit geringen Einkommen. Die Folge ist das millionenfache Phänomen der »arbeitenden Armen«: 1,2 Millionen Beschäftigte, 500 000 von ihnen in Vollzeitarbeit, bekommen ergänzendes Arbeitslosengeld II, weil ihr Einkommen nicht zum Leben reicht. Weitere zwei Millionen nehmen diesen Anspruch nicht wahr. Besonders eklatant ist die Situation von Kindern: So gelten drei Millionen Minderjährige als einkommensarm.

Die fortgesetzte Umverteilung von unten nach oben sei nicht nur »sozial problematisch«, sondern habe auch gravierende ökonomische Folgen, betonte Schäfer. Er warnte davor, daß der sich allein auf den Export stützende Aufschwung vor dem Hintergrund zunehmender Turbulenzen in der Weltwirtschaft gefährdet sei. Schließlich mache die Binnennachfrage rund zwei Drittel des gesamten Absatzes aus. Außerdem könne sich die Lohnentwickung in Deutschland negativ auf die anderen Länder der Europäischen Union auswirken, in die drei Viertel aller Exporte gehen. »Wenn wir mit Lohnzurückhaltung und Lohndumping so weitermachen, setzt das unsere europäischen Nachbarländer unter Druck, und es steigt die Gefahr einer gemeinsamen Abwärtsspirale«, so Schäfer, der einen politischen Kurswechsel anmahnte. Statt Masseneinkommen zum Beispiel durch die Mehrwertsteuererhöhung zu belasten und Konzerne mit der aktuellen »Unternehmenssteuerreform« besserzustellen, müßten ein gesetzlicher Mindestlohn sowie eine bedarfsdeckende Grundsicherung eingeführt werden.

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