zurück   |   Druckversion28.11.2007 | eingestellt von: Norbert Kozicki

Soziale Lage >> Armut

Kinderarmut - ein Skandal in einer reichen Gesellschaft

von Dr. Wolfgang Gern, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz

Jedes vierte Kind ist arm – und Deutschland war noch nie so reich wie heute. Die Kinderarmut in Deutschland wächst, wie auch bei Familien generell die Armutsrisiken gestiegen sind. Besonders hoch ist das Risiko arm zu sein für Alleinerziehende mit Kindern.

Die beiden bisher vorgelegten Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung belegen eine Zunahme von Armut und folglich auch von Kinderarmut. Armut ist relativ und bezeichnet ein relatives Maß an sozialer Ungleichheit, das Betroffene daran hindert, sich ihrer persönlichen Fähigkeiten gemäß zu entfalten, sich optimal zu entwickeln und selbstbestimmt am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen.

Während früher hauptsächlich Rentnerinnen von Armut betroffen waren, bilden junge Menschen seit Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre die am häufigsten und am stärksten bedrohte Altersgruppe. Deshalb spricht man heute auch von einer „Infantilisierung“ der Armut. Nach Aussage der Bundesagentur für Arbeit lebten im März 2007 von den 11,4 Millionen Kindern unter 15 Jahren, die es in der Bundesrepublik gibt, über 1,9 Millionen in Hartz-IV-Haushalten. Offenbar geht die konjunkturelle Belebung auf dem Arbeitsmarkt vor allem an den Alleinerziehenden, meist Frauen, vorbei. Im August 2007 erreichte die Zahl der Jungen und Mädchen bis 15 Jahre, die von staatlicher Unterstützung leben, mit 2,6 Millionen einen neuen Höchststand. Der Kinderschutzbund geht von etwa 2,8 bis drei Millionen armer Kinder aus, wenn die sogenannte Dunkelziffer berücksichtigt wird: Kinder in Sozialhilfehaushalten, Kinder in Flüchtlingsfamilien, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zirka ein Drittel weniger als die Sozialhilfe erhalten, sowie Kinder von Illegalen, die überhaupt keine Transferleistungen beantragen können, weil sie sonst ausgewiesen und abgeschoben würden.

Es gibt Kinderarmut mitten im Wirtschaftsaufschwung und auf dem Höhepunkt der Reichtumsentwicklung in Deutschland. Ja, Deutschland war noch nie so reich, wie es derzeit ist. Und Reichtum in Deutschland ist vor allem privater Reichtum. Die vermögendsten zehn Prozent der westdeutschen Haushalte besitzen 45 Prozent des gesamten Nettovermögens in Deutschland. Es gibt also zugleich nicht wenige Menschen, die immer reicher werden, während immer mehr verarmen.

Kinderarmut ist Einkommensarmut – und noch viel mehr

Als Ursachen für Armut werden in Deutschland vor allem Arbeitslosigkeit, Alleinerziehung, Kinderreichtum und Migrationshintergrund genannt. Mehr als 1,2 Millionen Menschen gehen arbeiten, bekommen aber zugleich Leistungen nach den Hartz-IV-Regeln. Darunter sind zu etwa 50 Prozent auch Beschäftigte, die einen Vollzeit-Job haben. Oft reicht der Lohn für eine Person, deckt aber nicht die Kosten einer Familie.

In der Tat, das Armutsrisiko steigt mit der Geburt von Kindern – besonders dort, wo die Lebensbedingungen bereits prekär sind. Zwischen den prekären Lebenslagen von Familien, den psychosozialen Folgen für die Kinder und Sozialisationsdefiziten besteht ein Kausal- und Wechselverhältnis, das in einen »Teufelskreis der Armut« führen kann.

Kinder aus armen Familien sind also in mehrfacher Hinsicht benachteiligt und ausgegrenzt. Ihnen fehlen nicht nur materielle Dinge, sondern ihnen mangelt es auch an Entfaltungsmöglichkeiten, Spielmöglichkeiten und Chancengerechtigkeit. Sie leben häufig in beengten Wohnverhältnissen, in vernachlässigten Stadtteilen mit schlechten Schulen und fehlenden Kindertageseinrichtungen. Kurz gesagt: Arme Kinder leben in einem Kreislauf, der Armut und Ausgrenzung verstärkt. Ihre Chancen zu einem guten Start ins Leben sind deutlich geringer.

Separate Transferleistungen an Familien, losgekoppelt von Steuer-, Familien- und Bildungspolitik werden wenig oder gar nichts bewegen und sind eher kontraproduktiv. Aber eine existenzsichernde Grundsicherung für Kinder sowie umfassende Förder- und Betreuungsangebote wären erste Schritte, um Kinderarmut zu vermeiden.

Bildung allein reicht nicht – Arbeitsplätze fehlen

Dass Kinder in armen Familien aufwachsen, beengt und finanziell prekär und mit geringer Schulbildung, ist dramatisch genug. Dass sich diese Verhältnisse verfestigen, ist noch dramatischer. Die Abwärtsspirale setzt dann ein, wenn Familien in einer Welt aus Unsicherheit und Armut gefangen sind. Wenn aus Kindern armer Eltern arme Eltern werden, dann werden soziale Lebenschancen vererbt, auch dann, wenn aus Kindern reicher Eltern wieder reiche Eltern werden.

Ursächlich für Armut ist die jeweilige Erwerbsstruktur in den Familien. Arme Kinder sind Kinder armer Eltern. Kinderarmut ist dort am größten, wo Eltern Schwierigkeiten haben, sich auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren, das heißt vor allem bei Alleinerziehenden, bei Familien mit vielen, drei oder mehr Kindern, und bei Familien mit Migrationshintergrund. Die Pädagogisierung von Armut lenkt vom Problem ab. Durch Bildung lässt sich Armut nicht bekämpfen, solange Arbeitsplätze fehlen. Es findet dann ein Wettbewerb um wenige Arbeitsplätze auf einem höheren und besseren Bildungsniveau ab. Die Mehrheit aller Arbeitslosen hat eine Berufsausbildung. Die Gründe für das vermehrte Auftreten von Armut liegen auf drei Ebenen:

Zunahme von nicht existenzsichernder Arbeit/Niedriglohnsektor: Der eigentliche Hebel für eine Lösung des Problems besteht in existenzsichernden Jobs. Im Produktionsprozess löst sich das Normalarbeitsverhältnis auf. Prekäre und atypische Arbeitsverhältnisse mehren sich, die es immer mehr Menschen immer weniger erlauben, mit ihrem Einkommen auskommen zu können. Während früher die Politik atypische Arbeitsverhältnisse zurückgedrängt hatte, werden sie jetzt politisch gefördert (Ausbau des Niedriglohnsektors, Deregulierung, Flexibilisierung).

ALG II / Hartz IV-Regelsatz zu niedrig: Der bewusst zu niedrig angesetzte ALG II-Satz sollte die Bereitschaft zur Aufnahme von Arbeit um jeden Preis und zu jedem Preis fördern. Hartz IV hat die finanzielle Lage von Arbeitslosen bewusst verschlechtert und dadurch erhebliche materielle Einschränkungen für betroffene Kinder erzeugt. Zudem fielen die sog. einmaligen Sonderbeihilfen, etwa für Kleidungsstücke, defekte Haushaltsgeräte oder Schulmaterialien, weg.

Öffentliche Armut: Die Ausstattung der sozialen Infrastruktur ist nicht unerheblich für die Bewältigung von Armutslagen. Die Öffentliche Armut, die durch eine „Politik der leeren Kassen“ (Segbers) erzeugt wurde, ist deshalb armutsverschärfend.

Familien gerecht werden – Umbau des Sozialstaates fördern

Bereits das Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen hat im Jahre 1997 darauf hingewiesen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss ausgebaut werden, die weibliche Erwerbsbeteiligung muss gestärkt werden, der männliche Anteil an der Haus- und Erziehungsarbeit muss endlich zur gesellschaftlichen Normalität werden. Und vor allem: Kindertageseinrichtungen gehören zum festen Bestandteil einer familienfreundlichen Gesellschaft. Der Ausbau der Infrastruktur kann freilich die finanzielle Entlastung nicht ersetzen. Die monetären Leistungen des Staates müssen zielgerichtet sein auf die Vermeidung von Armut. Das Gießkannenprinzip halte ich für ungeeignet und für gesamtgesellschaftlich unzeitgemäß.

Anwaltschaft wahrnehmen – Träger der Kitas sind gefragt

Das bedeutet für die Kindertagesstätten: Auch hier müssen wir uns bewähren als Anwälte der Kinder, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Sie haben ja sonst keine Stimme oder keine Lobby. Kinderarmut ist nicht allein ein Problem der betroffenen Familien. In den Kindertagesstätten übernehmen wir mit der Dienstleistung eine weitergehende Verantwortung. Diese Verantwortung schließt ein, dass wir die Gründe der Armut kennen lernen, im Einzelfall helfen und vor allem für eine gute Integration auch der sozial benachteiligten Kinder in der Kindertagesstätte Sorge tragen. Kein Kind darf verloren gehen.

Den Paradigmenwechsel einläuten – Land für Kinder werden

An unserem Umgang mit den Kindern entscheidet sich, ob unsere Gesellschaft zukunftsfähig ist. Auch Deutschland soll ein Land für Kinder sein, ein Land, in dem wir nicht zulassen, dass Kinder verwahrlosen. So hat es auch Bundespräsident Horst Köhler in seiner Antrittsrede gesagt. Und er wollte damit sagen, dass wir – wo wir mit und für Kinder arbeiten – die Öffentlichkeit sensibilisieren müssen. Dazu können Runde Tische zu Kinderarmut helfen wie zum Beispiel in Darmstadt, dazu können Kirchenvorstände in Verbindung mit Kommunen beitragen, dazu braucht es die Beratungsangebote von Caritas und Diakonie in sozialen Brennpunkten, dazu helfen die Kindertagesstätten, die ihre Dienstleistung mit Lobbyarbeit, Elternarbeit und Öffentlichkeitsarbeit verbinden.

Fazit

Um den Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung zu überwinden, muss die Integration in existenzsichernde Erwerbsarbeit gelingen. Eine eigenständige Grundsicherung für Kinder und der Ausbau kostenloser Kinderbetreuung ist eine notwendige Unterstützung aller Familien. Ebenso muss die Vereinbarkeit von Familienarbeit und Berufstätigkeit seitens der Arbeitgeber verbessert werden. Im Übrigen müssen die Infrastruktur für Kinder und die Beratungsangebote für Familien – vor allem in sozialen Brennpunkten – öffentlich abgesichert werden.


nach oben   |   zurück   |   Druckversion28.11.2007 | eingestellt von: Norbert Kozicki