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Soziale Lage >> Armut

Kinderreport 2007: Immer mehr arme Kinder /

Die Kinderarmut in Deutschland nimmt trotz guter Konjunktur weiter zu. War 1965 nur jedes 75. Kind unter sieben Jahren auf Sozialhilfe angewiesen, ist es heute mehr als jedes Sechste, wie aus dem vom Deutschen Kinderhilfswerk am Donnerstag in Berlin veröffentlichten «Kinderreport 2007» hervorgeht. Seit
Einführung von «Hartz IV» habe sich die Kinderarmut verdoppelt, «und sie wächst trotz zurückgehender Arbeitslosigkeit», sagte der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, Thomas Krüger. Bildungsexperten forderten einen »nationalen Pakt gegen Kinderarmut«.
Mittlerweile gelten dem Bericht zufolge 14 Prozent aller Kinder offiziell als arm. Schätzungsweise 5,9 Millionen Kinder lebten in Haushalten mit einem Jahreseinkommen der Eltern von bis zu 15 300 Euro. Dies entspreche rund einem Drittel aller kindergeldberechtigten Kinder.
Kinderarmut sei «ein strukturelles Problem», das kein Thema für Sonntagsreden sein dürfe, mahnte Krüger und forderte einen Ausbau des Kindergeldes hin zu einer Kindergrundsicherung. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass vor allem das steuer- und Sozialsystem an der schlechten wirtschaftlichen Lage von Familien schuld sei. Den Familien werde ein Übermaß an Abgaben abverlangt.
Arme Kinder bleiben dem Report zufolge immer häufiger in isolierten Wohnvierteln unter sich, »ohne gute Schulen, Ausbildungsmöglichkeiten und ausreichende soziale Unterstützung«. So seien »Armutskarrieren« für die Zukunft vorprogrammiert. Schon in der Grundschule wiederholt nahezu jedes dritte arme Kind eine Klasse - mehr als dreimal so häufig wie der Nachwuchs aus der Mittel- oder Oberschicht. Das habe »mittelfristig gravierende Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Leistung« des Landes.
Hervorgehoben wird auch, dass Kinder - selbst wenn ihre Grundversorgung ausreichend abgedeckt sei - eine Unterversorgung hinsichtlich Wohnen, Kleidung und Interessenentfaltung im Alltag wahrnehmen.
Als besonders schwierig beurteilen die Autoren der Studie die Lage von Kindern in Migrantenfamilien. Für Nordrhein-Westfalen haben die Autoren errechnet, dass mehr als jedes dritte ausländische Kind unter 15 Jahren von »Hartz IV« lebt; in Bielefeld ist es beinah jedes zweite, in Gelsenkirchen, Essen, Dortmund, Köln, Hagen, Mönchengladbach, Wuppertal und Herne liegt der Anteil bei über vierzig Prozent.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte einen »nationalen Pakt gegen Kinderarmut«. Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne sagte, »wir müssen Armutslöhne verhindern, Bildungsangebote verbessern, Bildungsbarrieren abbauen, Familien von Bildungsausgaben entlasten und Kinder materiell absichern«. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) bezeichnete die im Kinderreport veröffentlichten Zahlen als »gesellschaftlichen Skandal, der ein immenses Potenzial sozialen Sprengstoffs enthalte».



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